Lebenserwartung
Die unsterblichen Nobelpreisträger

Nobelpreisträger leben länger, haben zwei Ökonomen festgestellt. Wer die Auszeichnung erhält, bekommt bis zu zwei Lebensjahre geschenkt. Was ist der Grund für dieses Phänomen?

LondonEs sind 17 vornehmlich grauhaarige Herren, die ab Dienstag Hunderte Nachwuchswissenschaftler und Dutzende Journalisten aus der ganzen Welt zum Ökonomie-Nobelpreisträgertreffen an den Bodensee locken.

Die illustren Ehrengäste befinden sich fast alle schon weit im Rentenalter: Im Durchschnitt sind die Laureaten 72,4 Jahre alt, drei sind 80 oder darüber.

Das Stockholmer Nobelpreis-Komitee zeichnet bahnbrechende Ideen oft erst nach Jahrzehnten aus. Das ist ein Grund für diese Altersstruktur. Hinzu kommt aber: Ein Nobelpreis verlängert das Leben.

Das haben die britischen Ökonomen Matthew Rablen (Brunel University) und Andrew Oswald (Warwick) in einer bemerkenswerten empirischen Studie gezeigt. Wissenschaftler, die einen Nobelpreis erhalten, bekommen damit gleichzeitig mehrere Lebensjahre geschenkt.

Rablen und Oswald haben sich in ihrer Studie "Mortality and Immortality", die im "Journal of Health Economics" erschienen ist, nicht auf Ökonomen, sondern auf Physiker und Chemiker konzentriert. Diese Auszeichnungen werden seit 1901 vergeben. Den Preis in den Wirtschaftswissenschaften gibt es dagegen erst seit 1969.

Die beiden Forscher nutzen für ihre Studie, dass 50 Jahre nach Vergabe des Nobelpreises auch die Namen der Wissenschaftler veröffentlicht werden, die zwar für die Auszeichnung nominiert waren, aber leer ausgegangen sind. So können Rablen und Oswald die Lebenserwartung von zwei sehr ähnlichen Gruppen miteinander vergleichen. Rablen und Oswald betrachten 524 Forscher, die zwischen 1901 und 1950 auf der Nobelpreis-Shortlist standen. Nur 135 von ihnen kamen tatsächlich zum Zuge.

Bereits die Rohdaten zeichnen ein deutliches Bild: Demnach leben Preisträger im Schnitt 1,4 Jahre länger als Beinahe-Laureaten.

Doch die nackten Zahlen könnten verzerrt sein. Auf mehreren Wegen prüfen die Ökonomen daher, ob es sich wirklich um eine kausale Beziehung handelt.

Der Befund bestätigt sich zum Beispiel, wenn Rablen und Oswald nur die Lebenserwartung von Preisträgern mit der von nominierten Forschern vergleichen, die im selben Jahr geboren sind und die im Jahr der Preisverleihung noch lebten. Dann verstärkt sich der Effekt sogar. In den USA überleben Nobelpreisträger ihre nur nominierten Kollegen um mehr als zwei Jahre.

Was ist der Grund für dieses Phänomen? Dass sich die Forscher dank des Preisgeldes - derzeit ist die Auszeichnung mit 1,1 Millionen Euro dotiert - einen besseren und gesünderen Lebensstil leisten können, schließen Rablen und Oswald als Erklärung aus. Ob sich ein Wissenschaftler Auszeichnung und Preisgeld mit Kollegen teilen musste, hat keinen Einfluss auf das Ergebnis. Zudem schwankte durch die Inflation die reale Kaufkraft des Preisgeldes im Laufe der Jahrzehnte erheblich, ohne dass dies die Lebenserwartung der jeweiligen Preisträger beeinflusste.

Rablen und Oswald erklären das Ergebnis mit dem höheren sozialen Status, den der Gewinn eines Nobelpreises mit sich bringt - nicht nur in Lindau werden die so Ausgezeichneten von allen Seiten hofiert.

Mediziner wissen seit langem, dass es einen Zusammenhang zwischen der sozialen Stellung eines Menschen und seiner Lebenserwartung gibt. Je höher jemand in der gesellschaftlichen Hierarchie steht, desto älter wird er - selbst dann, wenn man andere Faktoren wie Rauchen und Übergewicht ebenfalls berücksichtigt. In der schnöden Sprache der Ökonomen ist der Erhalt eines Nobelpreises daher vor allem eins: ein "einmaliger, positiver Status-Schock".

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