Lehman-Pleite
Endlich Hedge-Fonds verstehen

Für die Weltwirtschaft war der 15. September 2008 der schwärzeste Tag seit Jahrzehnten. Die Pleite der amerikanischen Investmentbank Lehman Brothers brachte die Menschheit an den Rand einer zweiten Großen Depression. Für Ökonomen jedoch ist der Tag ein Geschenk des Himmels.
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DÜSSELDORF. Ein Geschenk des Himmels, zumindest aus wissenschaftlicher Perspektive. Denn für bestimmte Forschungsfragen stellt der Zusammenbruch von Lehman ein nahezu perfektes "natürliches Experiment" dar - eine plötzliche Veränderung des ökonomischen Umfelds. Es ermöglicht die Analyse von Zusammenhängen, die in normalen Zeiten nicht zu packen sind. Der 15. September 2008 eröffnet Volkswirten eine der seltenen Möglichkeiten, ähnlich wie Naturwissenschaftler zu arbeiten.

Zum Beispiel mit Blick auf die Frage, welche Rolle Hedge-Fonds auf den Finanzmärkten genau spielen. Bislang hatten Ökonomen empirisch dazu wenig zu sagen. Zwar wussten sie, dass das Volumen der von Hedge-Fonds gehaltenen Wertpapiere seit 1990 von 38 Milliarden auf 1,9 Billionen Dollar hochgeschnellt war.

Doch wie dieses gigantische Wachstum die Liquidität und die Preisentwicklung an den Börsen beeinflusst hat, darüber tappten Ökonomen bislang im Dunkeln - vor allem, weil Ursache und Wirkung auf den Finanzmärkten in aller Regel schwer auseinanderzuhalten sind. Welche Geschäfte Hedge-Fonds tätigen, hängt schließlich stark von der Liquidität und den Wertpapierpreisen auf den Märkten ab - und beeinflusst gleichzeitig auch beide Größen.

Die Lehman-Pleite ermöglicht es Forschern, den Einfluss der Hedge-Fonds zu identifizieren. Denn nicht alle Hedge-Fonds unterhielten im gleichen Ausmaß Geschäftsbeziehungen zu der Investmentbank: Wer sie als Hausbank benutzte, war vom Untergang des Instituts weit stärker betroffen - alle Konten und Depots von Kunden waren ab dem 15. September eingefroren.

Hedge-Fonds, die ihre Geschäfte über Lehman abwickelten, waren daher nach der Pleite handlungsunfähig. Sie hatten keinen Zugriff mehr auf ihre Wertpapiere, die sie als Sicherheiten für Kredite hinterlegt hatten, bekamen keine neuen Darlehen und konnten sich auch keine Aktien für Leerverkäufe mehr leihen. Dem Londoner Hedge Oak Group-Fonds zum Beispiel brach dies das Genick. Obwohl die Oak Group Wertpapiere im Volumen von 22 Millionen Dollar und Bargeld-Reserven in Höhe von 16 Millionen Dollar hatte, konnte sie nicht handeln. Bis Anfang Oktober 2008 hatte sich das Vermögen des Hedge-Fonds um 70 Prozent reduziert.

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