Wissenswert
Leserbrief zu "Warum es gefährlich ist, auf Ökonomen zu hören"

Zum Artikel "Warum es gefährlich ist, auf Ökonomen zu hören" schreibt Prof. Dr. Siegfried F. Franke von der Universität Stuttgart
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Der Handelsblattredakteur Dr. Norbert Häring berichtet im Handelsblatt vom 9. Juli 2007 über ein Gutachten, das das Bundesfi-nanzministerium kürzlich in Auftrag gegeben hat. Es wollte wissen, warum der Rat von Ökono-men, „regelmäßig zur Abwahl führt“. Na ja, daß Abwahlen gelegentlich vorkommen und daß sie manchmal auch in Verbindung mit Reformen zu sehen sind, mag sein, aber „regelmäßig“ ist sicher überzeichnet. Außerdem setzt das voraus, daß Politiker auf Ökonomenrat hören. Das tun sie genau so erschreckend wenig, wie sie auf den Rat anderer Experten hören.

Im übrigen wundere ich mich über den Kenntnisstand der Damen und Herren in den Ministerien. Wenigstens einige von ihnen haben doch Ökonomie studiert und sollten von daher mit den Teilgebieten der Neuen Politischen Ökonomie vertraut sein oder zumindest davon gehört haben. Alle, aber auch wirklich ausnahmslos alle Ergebnisse, die Häring in seinem Artikel referiert, sind schon seit Jahren, zum Teil seit Jahrzehnten bekannt: Die Ignoranz der Wähler, das Schielen auf kurzfristige Vorteile zu Lasten möglicher Vorteile in langfristiger Sicht, die Vernachlässigung nicht artikulationsfähiger Interessen, die Reformunfähigkeit und –unwilligkeit der Regierung und des mit ihr verbundenen Ministerialapparates, das unkoordinierte Durchwursteln der Regierung von einer undurchdachten „Reform“ zur nächsten, und schließlich auch der Appell an die eigene Zunft, bei Reformvorschlägen immer zugleich die Rahmenbedingungen und Zwänge mitzubeden-ken, unter denen Politiker handeln.

Dazu nenne ich – ohne Anspruch auf Vollständigkeit – nur einige Namen: Peter Bernholz, James M. Buchanan, Anthony Downs, Bruno S. Frey, Philipp Herder-Dorneich, Gebhard Kirchgässner, Guy Kirsch, Charles Lindblom, Friedrich Schneider und Werner Zohlnhöfer. Und, wenn’s nicht zu eitel ist, auch ich habe mich dazu geäußert (u.a.: Steuerpolitik in der Demokratie, 1993; hätte Kirchhof vielleicht mal lesen sollen …). Zudem kann man im Jahrbuch für Neue Politische Ökonomie vieles – auch Empirisches – nachlesen, und zwar ganz kostenlos …

Daß das eine oder andere nochmal neu erfunden oder neu formuliert worden ist oder mit neueren empirischen Ergebnissen abermals untermauert wurde, ist richtig. Aber bedurfte es dazu eines Gutachtens? Muß dazu sogar noch – wie ich lese – ein Folgegutachten in Auftrag gegeben werden?

So sehr ich den Kollegen und Kolleginnen aus Mannheim, Salzburg und München den Geldzufluß gönne, aber die Wissenschaft, insbesondere die Wirtschaftswissenschaften, hätte man effektiver fördern können. Und im übrigen: Liebes Ministerium, blättert doch die eine oder andere Publikation der genannten Verfasser und auch das erwähnte Jahrbuch mal durch. Ausleihen sind sicher in den Berliner Universitätsbibliotheken möglich.

Prof. Dr. Siegfried F. Franke
Universität Stuttgart
Institut für Volkswirtschaftslehre und Recht
Abteilung für Wirtschaftspolitik
und Öffentliches Recht

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