Makroökonomie
Die Armen sind die wahren Gewinner der Globalisierung

Der weltweite Kapitalismus macht die reichen Länder immer reicher und die armen Länder immer ärmer, lautet eine beliebte These von Globalisierungsgegnern. Stimmt nicht, sagt ein spanischer Ökonom und rechnet vor: Zwischen 1970 und 2000 ist die Armut weltweit drastisch zurück gegangen.

Für Gregor Gysi und Oskar Lafontaine besteht kein Zweifel: „Hunger und Unterernährung sind das Ergebnis einer barbarischen Weltwirtschaftsordnung“, schreiben die beiden im Gründungsmanifest der Linkspartei. Und weiter: „Dieser Raubtierkapitalismus führt in weiten Teilen der Welt zu bitterer Armut und zum Terrorismus.“

Aber macht der globale Siegeszug des Kapitalismus wirklich die Reichen immer reicher und die Armen immer ärmer? Nein, meint der Makroökonom Xavier Sala-i-Martin. Der Spanier, der an der Columbia University in New York lehrt, hat die Entwicklung der weltweiten Einkommensverteilung detailliert untersucht. „In den vergangenen 30 Jahren ist die Armut weltweit drastisch zurückgegangen“, schreibt Sala-i-Martin in der aktuellen Ausgabe des „Quarterly Journal of Economics“, einer der angesehensten ökonomischen Fachzeitschriften der Welt.

Absolut betrachtet ist die Zahl der Armen weltweit demnach beklemmend hoch – knapp 400 Millionen Menschen müssen mit weniger als 1,50 US-Dollar pro Tag über die Runden kommen. Im Vergleich zum Jahr 1970 aber hat sich die Situation laut Studie aber drastisch verbessert. Damals sei die Zahl der Armen um 300 Millionen höher gewesen als heute. Sala-i-Martin: „Die absolute Zahl der Armen ist um 56 Prozent zurückgegangen – in einem Zeitraum, in dem die Weltbevölkerung um 50 Prozent gestiegen ist.“

Wie massiv die Armut auf dem Rückzug ist, wird deutlich, wenn man den Anteil der Armen an der Weltbevölkerung betrachtet. 1970 lebten 20 Prozent aller Menschen unter der Armutsschwelle, 2000 waren es sieben Prozent.

Grundlage dieser Zahlen ist eine aufwendige Schätzung der weltweiten Einkommensverteilung für jedes Jahr zwischen 1970 und 2000. Dafür hat Sala-i-Martin makro- und mikroökonomische Daten aus 138 Ländern kombiniert – neben den Daten zum Pro-Kopf-Einkommen des Landes flossen regionale Studien zur Einkommensverteilung in die Berechnungen ein. Die Inflation hat er berücksichtigt – alle Angaben beziehen sich auf den realen Wert, den ein Dollar im Jahr 1996 besaß.

Allerdings ist die Methode des Ökonomen nicht unumstritten. Nach Ansicht der Weltbank untertreibt die von Sala-i-Martin gewählte Methode systematisch das Ausmaß der Armut. Der Hauptkritikpunkt ist, dass der Ökonom das Bruttoinlandsprodukt (BIP) pro Kopf als Bezugsgröße wählt. Sie sei irreführend, weil im BIP auch Investitionen und Staatsausgaben gezählt werden – diese Ausgaben aber stehen den Menschen nicht für den Konsum zur Verfügung.

Nach Sala-i-Martins Darstellung unterschätzt er den weltweiten Wohlstandsanstieg seit 1970 eher, als dass er ihn überschätzt. Denn für China, das bevölkerungsreichste Land der Welt, verwendete er wegen der unsicheren Datenlage nicht die offiziellen Wachstumsraten. Er veranschlagt das Wachstum des Bruttoinlandsprodukts im Reich der Mitte mit fünf Prozent pro Jahr. Die Weltbank beziffert es für den Zeitraum 1978 bis 2000 auf 7,6 Prozent pro Jahr.

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