Makroökonomie: Geldillusion
Warum wir es lieben, uns reich zu rechnen

Für Makro-Ökonomen war lange klar: Menschen orientieren sich nur an realen und nicht an nominalen Größen – sie leiden nicht unter Geldillusion. Neue Studien zeigen jetzt: Das ist ein Irrtum. Und er führt dazu, dass die heute gänigen ökonomischen Modelle systematisch falsche Politik-Empfehlungen geben.

Stellen Sie sich vor, Sie verdienen ab morgen doppelt so viel wie heute. Gleichzeitig ist aber auch alles, wofür Sie Geld ausgeben, doppelt so teuer. Wie fänden Sie das?

Rein rational betrachtet, müsste Ihnen das egal sein, denn Ihre reale Kaufkraft bleibt in dem Fall gleich. Wenn Sie sich trotzdem reicher fühlen, leiden Sie unter Geldillusion: Sie freuen sich über Ihr nominal höheres Einkommen, ohne zu merken, dass Sie real nichts gewonnen haben. Ziemlich irrational.

Seit den siebziger Jahren sind Makroökonomen der Ansicht: So dumm sind die Menschen nicht; Geldillusion spielt im wirklichen Leben keine Rolle. Wenn das so wäre, gäbe es langfristig keinen Zusammenhang zwischen Inflation und Arbeitslosigkeit. Alle Versuche, die Beschäftigung durch das Drucken von Geld zu erhöhen, wären dann zum Scheitern verurteilt.

Möglicherweise aber sind Menschen aus Fleisch und Blut doch dümmer, als die Makrotheoretiker annehmen. Darauf deuten neuere Feldstudien und Laborexperimente hin, die der Züricher Ökonomie-Professor Ernst Fehr auf der Jahrestagung des Vereins für Socialpolitik präsentierte. Das Treffen der Volkswirte-Vereinigung, das vergangene Woche in Graz stattfand, widmete sich dem Oberthema „Experimentelle Ökonomie: Neue Wege, neue Erkenntnisse?“

Fehr, einer der weltweit führenden Experimental- und Neuro-Ökonomen, betonte: „Insgesamt zeigt sich, dass Geldillusion sehr wohl eine gewisse Rolle spielt und dauerhaft negative wirtschaftliche Auswirkungen haben kann.“ Er habe das zunächst selbst nicht glauben können. Nachdem aber ein Experiment zu einer ganz anderen Fragestellung scheiterte, weil die Probanden unter Geldillusion litten, habe er sich des Themas angenommen.

Inzwischen stellt eine Reihe von Studien das etablierte Paradigma infrage: So hat der Bonner Ökonom Armin Falk – ein Fehr-Schüler, der in Graz den renommierten Gossen-Preis für international erfolgreiche deutschsprachige Ökonomen erhielt – gemeinsam mit Hirnforschern gezeigt: Wer in einem ökonomischen Experiment nominal besonders viel verdienen kann, bei dem ist das Belohnungszentrum im Gehirn deutlich aktiver als bei Probanden, die real das gleiche, nominal aber weniger Geld erhalten. „Diese Studie zeigt, dass das menschliche Gehirn für Geldillusion anfällig ist“, betonte Fehr.

Die meisten Menschen würden daher nominale Lohnkürzungen als viel unfairer empfinden als reale Einbußen. Dies könne erklären, warum es selbst in Wirtschaftskrisen in Unternehmen so gut wie nie zu Einschnitten bei den Nominallöhnen käme.

Geldillusion hat massive Auswirkungen auf das ökonomische Verhalten von Menschen, zeigte Fehr mit seinem in Kopenhagen forschenden Kollegen Jean-Robert Tyran. Nominal höhere Verdienstmöglichkeiten führen in Laborexperimenten dazu, dass Probanden sich anders verhalten als solche, die auf dem Papier weniger, aber real die gleiche Summe verdienen konnten, stellten die Forscher fest.

Oft reichen schon wenige irrational handelnde, unter Geldillusion leidende Akteure, um alle anderen auf den gleichen Irrweg zu locken. „Dadurch hat Geldillusion nach negativen Geldmengenschocks massiven Einfluss auf die Preisbildung auf Märkten“, betonte Fehr.

All das führt zu einem beunruhigenden Fazit: Die etablierten makroökonomischen Modelle, die das Thema Geldillusion ausblenden, führen wahrscheinlich zu grundlegend falschen Empfehlungen für die Wirtschaftspolitik.

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