Makroökonomie
Über die Tücken der Konjunkturpolitik

Die Industrieländer pumpen Milliardenbeträge in den Kampf gegen die Rezession. Aber kann antizyklische Konjunkturpolitik überhaupt funktioneren? IWF-Ökonomen zeigen in einer neuen Studie: Die Instrumente sind extrem schwer zu bedienen. Handelsblatt.com erklärt, wo die verstecken Stolpersteine liegen.
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DÜSSELDORF. Etwas Gutes, scherzte Nobelpreisträger Robert Solow jüngst, habe die Wirtschaftskrise ja: Endlich befassten sich junge Volkswirte wieder mit Konjunktur und Konjunkturpolitik. Seit den 70er-Jahren waren diese Themen aus der Mode geraten.

Wie relevant zum Beispiel sind zentrale Argumente gegen antizyklische Fiskalpolitik in der Praxis? Dieser Frage sind Volkswirte des Internationalen Währungsfonds (IWF) jetzt nachgegangen.

Seit den 70er-Jahren herrscht unter Volkswirten weitgehend Konsens, nur die Geldpolitik sei ein gutes Instrument im Kampf gegen Konjunkturkrisen. Die Impulse, die von Fiskalpolitik ausgingen, kämen dagegen stets zu spät – es vergehe zu viel Zeit, bis die Politik den Abschwung diagnostiziere, Konjunkturpakete beschließe und umsetze.

Die IWF-Volkswirte Daniel Leigh und Sven Jari Stehn stellen diese Sicht in ihrer jüngst veröffentlichten Studie mit dem "Titel Fiscal and Monetary Policy During Downturns: Evidence from the G7" zumindest teilweise in Frage. In den angelsächsischen Ländern, so ihr Befund, ist antizyklische Fiskalpolitik in den vergangenen zweieinhalb Jahrzehnten durchaus geglückt.

In den USA, Kanada und Großbritannien seien staatliche Konjunkturpakete sehr wohl zum richtigen Zeitpunkt wirksam geworden – nämlich dann, wenn es mit der Wirtschaft bergab geht. Im Schnitt habe der Staat dort im ersten Jahr eines Abschwungs für einen Wachstumsimpuls von 0,8 Prozent des Bruttoinlandsprodukts gesorgt.

Anders sehe es in Deutschland, Frankreich und Italien aus: Dort habe die Fiskalpolitik eher pro-zyklisch gewirkt und damit das Wachstum um 0,4 Prozentpunkte abgebremst.

Allerdings stellt die IWF-Studie einer antizyklischen Konjunkturpolitik auch keinen Freibrief aus. So finden die Forscher klare Belege dafür, dass die Regierungen zwar gerne im Abschwung die Defizite erhöhen, sich aber im Aufschwung wesentlich schwerer damit tun, die Staatsausgaben wieder zurückzufahren. Die Gefahr dabei ist ein dauerhafter Anstieg der Staatsverschuldung, was die langfristigen Wachstumsperspektiven der Volkswirtschaft schmälert.

Und es gibt in der Realität eine weitere große Hürde für antizyklische Fiskalpolitik, stellen die Forscher zudem fest: Wirtschaftspolitikern fällt es extrem schwer, einen Abschwung im richtigen Moment zu erkennen – weil erste Schätzungen zur Konjunkturlage stets unsicher sind.

Daher korrigieren die Statistikämter ihre Zahlen zum Wirtschaftswachstum häufig. Mitunter ändert sich dadurch das Konjunkturbild komplett.

So zeigen die Analysen der IWF-Volkswirte: In 39 Prozent aller Fälle, in denen die Statistikbehörden in ihrer ersten Schätzung einen Rückgang der Wirtschaftsleistung meldeten, weisen die endgültigen Zahlen doch ein positives Wachstum aus. Tendenziell sind die ersten Schätzungen zum Bruttoinlandsprodukt (BIP) zu pessimistisch, stellen Leigh und Stehn fest.

Im Schnitt werden die frühen Zahlen bei späteren Revisionen um 0,34 Prozentpunkte nach oben korrigiert. Umgekehrt gilt aber auch: In 30 Prozent der Fälle, in denen die endgültigen Statistiken ein Minus des BIP verzeichnen, waren die ersten Schätzungen positiv.

Unter dem Strich fällt das Urteil der IWF-Ökonomen differenziert aus: „Unsere Einschätzung über Fiskalpolitik ist nuancierter als die herrschende Meinung.“ Wie so oft gilt: Die Welt ist weder schwarz oder weiß – sondern grau.

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