Ökonomen: Max Weber irrte sich in Protestanten
Wenn Bibelstunden reich machen

Protestanten sind reicher als Katholiken, weil sie eine andere Arbeitsethik haben - diese These hat Max Weber vor 100 Jahren aufgestellt. Zwei Münchener Ökonomen haben jetzt festgestellt: Protestanten waren im 19. Jahrhundert tatsächlich wohlhabender als Katholiken - aber das lag keineswegs an ihrer Arbeitsethik, sondern an ihrer besseren Bildung.
  • 0

Es gibt nicht viele wissenschaftliche Thesen, die nach 100 Jahren noch so intensiv diskutiert werden wie die von der "protestantischen Ethik und dem Geist des Kapitalismus". Erst die Reformation habe modernes Unternehmertum und industrielle Revolution möglich gemacht, postulierte Max Weber im Jahr 1904. Weil Protestanten Arbeit als von Gott vorgegebenen Selbstzweck des Lebens betrachteten, arbeiteten sie härter und seien wirtschaftlich erfolgreicher.

Zwei Ökonomen der Ludwig-Maximilians-Universität München haben diese These jetzt aus neuer Perspektive untersucht. Sascha Becker und Ludger Wößmann nutzten die Instrumentarien der modernen, empirischen Wirtschaftsforschung, nahmen aber Webers historische Perspektive ein - sie konzentrierten sich auf die Situation im Preußen des späten 19. Jahrhunderts.

Ihr Ergebnis ist bemerkenswert: Weber hatte mit Blick auf das Wohlstandsgefälle zwischen Protestanten und Katholiken tatsächlich recht, irrte aber bei der Erklärung des Phänomens. Nicht die andere Arbeitsethik machte die Protestanten reicher, sondern ihre Bibelstudien. Denn weil die evangelische Kirche die Gläubigen dazu anhielt, selbst das Wort Gottes in der Bibel zu erfahren, konnten diese deutlich besser schreiben und lesen als Katholiken.

Becker und Wößmann verwenden für ihre Studie detaillierte Zahlen der preußischen Statistikbehörden. Für alle 452 preußischen Kreise kennen sie die demographische, religiöse und wirtschaftliche Struktur, die Alphabetisierungsrate und die Religionszugehörigkeit. Zwar liegen für die Jahre um 1870 auf Kreisebene keine verlässlichen Informationen über das Bruttoinlandsprodukt vor. Bekannt ist aber, wie viele Beschäftigte 1882 in jedem Kreis in der Landwirtschaft, der Industrie und der Dienstleistungsbranche arbeiteten. Das erlaubt Rückschlüsse auf den Wohlstand einer Region: Je geringer die Bedeutung der Landwirtschaft, so die Logik, desto höher ist der Entwicklungsgrad einer Region - und desto höher ihr Reichtum. Als weiteren Indikator für den Wohlstand eines Landstrichs ziehen sie die Gehälter von Grundschullehrern heran. Diese wurden fast ausschließlich über regionale Steuern finanziert und verraten daher indirekt ebenfalls etwas über die wirtschaftliche Lage.

Die beiden Forscher stellen zunächst fest: Im Preußen des späten 19. Jahrhunderts gab es tatsächlich den von Weber postulierten Zusammenhang zwischen Religion und wirtschaftlichem Wohlstand. Je stärker die evangelischen Kirche in einem Kreis dominierte, desto ökonomisch fortschrittlicher war dieser. So spielte in rein protestantischen Regionen die Landwirtschaft eine deutlich geringere wirtschaftliche Rolle - ihr Anteil an der gesamten Wertschöpfung war um 3,5 Prozentpunkte geringer als in ausschließlich katholischen Landstrichen. Und das Einkommen in protestantischen Regionen war - gemessen an den Verdiensten der Grundschullehrer - sogar um 6,3 Prozent höher.

Seite 1:

Wenn Bibelstunden reich machen

Seite 2:

Kommentare zu " Ökonomen: Max Weber irrte sich in Protestanten: Wenn Bibelstunden reich machen"

Alle Kommentare

Dieser Beitrag kann nicht mehr kommentiert werden. Sie können wochentags von 8 bis 18 Uhr kommentieren, wenn Sie angemeldeter Handelsblatt-Online-Leser sind. Die Inhalte sind bis zu sieben Tage nach Erscheinen kommentierbar.

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%