Politische Ökonomie: Investoren sollten in die Todesanzeigen schauen

Politische Ökonomie
Investoren sollten in die Todesanzeigen schauen

Ex-Bundeskanzler Gerhard Schröder ging nach seiner Abwahl direkt zu Gasprom. Ex-Staatssekretär Caio Koch-Weser wechselte ohne großen Verzug zur Deutschen Bank, der frühere Wirtschaftsminister Werner Müller ging zur RAG AG. All diese Personalien hatten das, was Schwaben „Geschmäckle“ nennen: Die Politiker hatten vorher reichlich Gelegenheit, Entscheidungen zu treffen, die ihre späteren Arbeitgeber begünstigten. Kein Wunder, dass dadurch eine Diskussion über Verhaltensregeln für Ex-Politiker in Gang kam.

Sollte es noch eines Nachweises bedürfen, dass politische Patronage auch in Industrieländern eher die Regel als die Ausnahme ist, haben ihn zwei Ökonomen von der amerikanischen Vanderbilt University erbracht. Mara Faccio und David Parsley haben untersucht, was mit den Aktienkursen von möglicherweise protegierten Unternehmen passiert, wenn ein Politiker unerwartet stirbt. Dabei warfen sie ein sehr weites Netz aus: Sie prüften nicht nur Fälle, in denen enge Verbindungen zu den Politikern aktenkundig waren. Vielmehr behandelten sie jedes Unternehmen mit Sitz im Heimatort des unerwartet dahingeschiedenen Politikers als (potenziellen) Empfänger einer Vorzugsbehandlung durch diesen – sei es durch Steuervorteile oder staatliche Rettungsaktionen bei Finanzproblemen, gute Behandlung durch Regulierungsbehörden oder für das Unternehmen maßgeschneiderte Gesetze.

Insgesamt werteten die Forscher 123 plötzliche Todesfälle und die Aktienkurse von über 7000 Unternehmen mit Sitz in den Heimatorten dieser Politiker aus. Auf jeden Politiker kamen im Durchschnitt rund 60 potenziell privilegierte Firmen. Trotz dieses sehr breit angelegten Vorgehens beobachteten die Autoren einen beträchtlichen, statistisch signifikanten Zusammenhang: Der unerwartete Tod eines Politikers drückt den Aktienkurs eines Unternehmens mit Hauptquartier in dessen Heimatbasis in den ersten zehn Tagen. Die Aktie der betroffenen Firmen entwickelte sich im Schnitt um knapp zwei Prozent schlechter als der jeweilige Gesamtmarkt. Dieses dürfte eine eher konservative Schätzung des Wertes politischer Beziehungen sein. Denn nicht jeder Politiker begünstigt alle Unternehmen seines Heimatortes. Zudem sind politische Beziehungen, die nicht mit der Geographie zusammenhängen, ausgeklammert.

Es lohnt sich für Investoren also, schnell zu reagieren, wenn die Schlagzeilen vom Tod eines Politikers erscheinen. Die Börsenreaktion baut sich im Lauf der ersten zehn Tage nach dem unerwarteten Tod langsam auf. Allerdings gibt es Unterschiede im Einzelfall, die durch die statistische Analyse nur teilweise aufgedeckt werden können. Unternehmen mit einer dominanten Eigentümerfamilie profitieren offenbar stärker von politischen Beziehungen – ihr Kurs gibt stärker nach, wenn ein Politiker unerwartet stirbt. Dies scheint plausibel, denn für eine Eigentümerfamilie ist der Aufbau politischer Beziehungen über längere Zeit leichter als für ein häufiger wechselndes Management eines Unternehmens in Streubesitz.

In Ländern, in denen Korruption verbreiteter ist, leidet der Kurs erwartungsgemäß stärker unter dem unerwarteten Tod eines Protektors. Das Ergebnis der Studie ist aber nicht etwa allein von den Entwicklungs- und Schwellenländern getrieben. Wegen der besseren Datenverfügbarkeit dominieren die Industrieländer bei den untersuchten Fällen. Von den 123 betrachteten Todesfällen stammen drei Fünftel aus Industrieländern.

Grundlage für diesen Teil der Auswertung ist der Korruptionsindex von Transparency International. Darin lag Deutschland 2005 auf Rang 16, im Mittelfeld der Industrieländer. Besonders lohnen unter den großen Industrieländern dürfte der Blick in die Todesanzeigen für diejenigen, die in Italien engagiert sind. Das Land stand 2005 weit hinter den meisten übrigen Industrieländern auf Rang 40.

Der Aktienkurs kleinerer Unternehmen leidet prozentual stärker unter dem unerwarteten Beziehungsverlust. Die Autoren erklären dies damit, dass große Unternehmen die Ressourcen haben, ein ganzes Beziehungsgeflecht zu vielen Politikern aufzubauen. So ist es in den USA nicht ungewöhnlich, dass ein Unternehmen gleichzeitig die Wahlkämpfe zweier konkurrierender Politiker oder Parteien finanziell unterstützt. Dieses Vorgehen macht Großunternehmen unabhängiger von der Gunst von Einzelpersonen.

Um die Robustheit ihres Ergebnisses zu überprüfen, haben die Autoren eine ähnliche Untersuchung für Unternehmen mit dokumentierten familiären Bindungen zu unerwartet verschiedenen Politikern unternommen. Das Ergebnis: Der Kursverlust der Unternehmen ist zwar etwas höher, aber nicht viel höher als bei geographisch verbundenen Unternehmen. Das würde darauf schließen lassen, dass geographische Beziehungen eine ähnlich große Bedeutung haben wie familiäre Beziehungen.

Norbert Häring berichtet für das Handelsblatt über Wirtschaftswissenschaften. Quelle: Pablo Castagnola
Norbert Häring
Handelsblatt / Ökonomie-Korrespondent
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