Preisbildung auf dem Kunstmarkt
Sind wirklich nur tote Künstler gute Künstler?

Wenn ein Künster unerwartet stirbt, dann ist das gut für den Marktwert seiner Werke - diese Faustregel gilt auf dem Kunstmarkt. Stimmt aber so pauschal nicht, zeigt eine neue Studie von zwei Ökonomen von der Universität Konstanz.

Nur ein toter Künstler ist ein guter Künstler. Diese zynische Weisheit gilt unter Kunsthändlern. Dahinter steht der Gedanke, dass die Werke eines Künstlers wertvoller werden, wenn er unerwartet und vorzeitig stirbt. Dann kann er nämlich nicht mehr durch übermäßige Produktion weiterer Kunstwerke die Preise verderben.

Schon im 19. Jahrhundert galt diese Faustregel; eindrucksvoll belegt durch Mark Twains Komödie "Is he dead?" Um die Preise für seine Bilder hochzutreiben, stellt sich der erfolglose französische Maler Jean Francois Millet tot, wirft sich in Frauenkleider und gibt sich als seine Zwillingsschwester aus.

Galeristen und Kunsthändler, dankbar für jedes Argument, mit dem sich höhere Preise begründen lassen, haben die Vorstellung von der preistreibenden Wirkung des frühen Künstlertodes bis heute gepflegt.

Die beiden Konstanzer Ökonom Heinrich Ursprung und Christian Wiermann zeigen »  in einer neuen Studie, dass bei weitem nicht alle Künstler fürchten müssen, dass ihr unerwarteter Tod ein Lächeln auf die Gesichter ihrer Galeristen, Sammler und Hinterbliebenen zaubert.

Anhand eines Datensatz von 400 000 Transaktionen errechneten sie ökonometrisch, welche Bildeigenschaften wie Größe, Technik, Nummerierung, Signatur und Stil am Kunstmarkt wie bewertet werden. Dann prüften sie, ob der einer Auktion zeitnah vorangegangene Tod eines Künstlers den Preis beeinflusst. Anders als in früheren Untersuchungen errechneten sie keinen durchschnittlichen Todeseffekt, sondern ließen zu, dass dieser sich je nach Alter des Künstlers unterscheidet. Und tatsächlich: Erst ab einem Alter von etwa 70 Jahren treibt der Tod eines Künstlers die Preise seiner Werke in der Regel nach oben. Davor ist der Todeseffekt sogar wertvernichtend.

Den Widerspruch zur gängigen Einschätzung führen die beiden Wirtschaftsforscher darauf zurück, dass bisher meist ein wichtiger Aspekt vernachlässigt wurde, der für den Marktwert von Künstlern wichtig ist.

Selbst wenn sie sehr gut sind, müssen sie sich erst einmal einen Bekanntheitsgrad erwerben, der der Qualität ihrer Werke entspricht. Sammler, die sie früh entdecken und ihre Werke kaufen, sind alles andere als glücklich, wenn ihr Hoffnungsträger früh stirbt. Die Tatsache, dass es keine weiteren Werke zu kaufen geben wird, und die bestehenden dadurch knapp bleiben, hilft nicht viel, wenn sich die Nachfrage noch gar nicht richtig entwickelt hat. Da man in der Presse aber nur selten etwas über todesbedingte Preisrückgänge bei Werken von mäßig bekannten Künstlern liest, ist kein Wunder, dass der Glaube an den "Todeseffekt" sich so hartnäckig hält.

Je älter und bekannter ein Künstler wird, desto mehr schlägt die Angebotsbegrenzung durch und desto mehr verliert die verlorene Chance zum Reputationsaufbau an Bedeutung. Wenn ein Künstler also schon relativ alt und hinreichend bekannt ist, dann ist mit einem positiven Todeseffekt zu rechnen.

Twains Held Millet hatte schlechte Karten, dass sein Trick aufgeht. Wer dagegen Werke von Friedensreich Hundertwasser sein eigen nennt, den hat der überraschende Tod des Künstlers im Jahr 2000 ein wenig reicher gemacht. Hundertwasser war schon sehr arriviert und hochproduktiv, bei ihm kam alles zusammen, was für eine starken Todeseffekt spricht.

Norbert Häring berichtet für das Handelsblatt über Wirtschaftswissenschaften. Quelle: Pablo Castagnola
Norbert Häring
Handelsblatt / Ökonomie-Korrespondent
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