Provokantes Buch eines Münchener Bildungsforschers
Weg mit Lebenslügen im Schulsystem

Linke Schulpolitiker liegen falsch - konservative auch. Das ist die überraschende Botschaft des Münchener Bildungsforschers Ludger Wößmann. In einem Buch präsentiert er die Erkenntnisse der modernen wissenschaftlichen Forschung zum Thema Schulen. Ideologen von beiden Seiten können dabei so manche Überraschung erleben.
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Sind Sie der Meinung, dass kleinere Klassen eine wichtige Voraussetzung für gute Schulen sind? Dass fehlendes Geld eines der Hauptübel des deutschen Schulsystems ist? Und dass Kinder besser lernen, je eher man sie nach ihrer Begabung trennt?

Dann sollten Sie dringend das jüngst erschienene Buch "Letzte Chance für gute Schulen" des Münchener Bildungsforschers Ludger Wößmann lesen - um zu erfahren, dass Sie drei der zwölf "großen Schulirrtümer" aufgesessen sind.

Der 34-jährige Wößmann ist Ökonomie-Professor an der Ludwig-Maximilians-Universität und erforscht seit Jahren alle möglichen Facetten des deutschen Schulsystems. Normalerweise veröffentlicht er seine Ergebnisse in international angesehenen Fachzeitschriften - auf Englisch und für Laien nicht unbedingt leicht zugänglich und einfach konsumierbar. Jetzt aber hat er seine Forschungsergebnisse auch für Nichtwissenschaftler verständlich aufbereitet - denn wie bisher über die Probleme des deutschen Bildungssystems diskutiert werde, mache ihn "als Schulforscher, als Wissenschaftler und als Vater manchmal wütend", gesteht er in seinem Vorwort.

Tatsächlich werden die Erkenntnisse der modernen Bildungsforschung hierzulande in der öffentlichen Debatte kaum beachtet - statt dessen dominiert die Ideologie. Dabei können sowohl Konservative wie auch Linke so manche Überraschung erleben. So stellt Wößmann zahlreiche Studien vor, die alle zu dem Ergebnis kommen: Das dreigliedrige Schulsystem aus Gymnasium, Real- und Hauptschule verbaut vielen Kindern Perspektiven. Die frühe Aufteilung der Kinder auf die unterschiedlichen Schulformen "ist eine Vorgehensweise, die vor allem Schülern aus sozioökonomisch schwachen Familien schadet und die Gleichheit der Bildungschancen verringert", fasst Wößmann die Forschungsergebnisse zusammen.

In Ländern, in denen alle Schüler bis 15 oder 16 zusammen unterrichtet werden, hingen die Schulleistungen viel weniger vom sozialen Hintergrund der Eltern ab. "Je mehr Zeit der schulischen Erziehung gegeben wird, eventuelle Benachteiligungen durch den familiären Hintergrund auszugleichen, desto besser für die Chancengleichheit." Ähnlich gut kommt ein zweites Lieblingsthema linker Bildungspolitiker weg - die frühkindliche Bildung. "Alles deutet darauf hin, dass es die Chancen sozial benachteiligter Kinder deutlich verbessern würde, wenn der Besuch einer vorschulischen Bildungseinrichtung obligatorisch würde", so Wößmann. Allerdings müssten Kindergärtern anders als heute nicht nur Betreuungseinrichtungen sein, sondern "die Kleinen spielerisch ans Lernen heranführen".

Aber auch für linke Bildungspolitiker hat Wößmann eine bittere Pillen parat: So liefert er gute Argumente für mehr Wettbewerb und Autonomie der einzelnen Schulen - ebenso wie für die schulübergreifende Definition von Lernzielen und externe Abschlussprüfungen. Internationale Schülerleistungstests zeigen laut Wößmann "ganz eindeutig, dass Schüler in Ländern mit externen Abschlussprüfungen wie dem Zentralabitur deutlich besser abschneiden als Schüler ohne externe Prüfungen.

Den Akteuren im Bildungssystem müssten die richtigen Anreize gesetzt werden - bloße Appelle an Lehrer, Schüler oder Eltern genügten nicht. Mehr Geld allein wäre laut Wößmann aber auch keine Lösung der Probleme der deutschen Bildungsprobleme: "Nichts in dem umfangreich vorliegenden Datenmaterial deutet darauf hin, dass höhere Ausgaben, etwa für kleinere Klassen oder zusätzliche Computer, für sich genommen eine Verbesserung der tatsächlichen schulischen Leistungen bringen würde."

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