Revolution
Sturm auf die Bastille als Konjunkturmotor

Die französische Revolution war das wohl wichtigste Konjunkturprogramm der Welt. Trotz Terrorherrschaft und Chaos brachte die revolutionäre Umwälzung mehr Wachstum und höhere Lebensstandards mit sich. Der Grund: Wachstumsfeindliche Institutionen verschwanden.
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DÜSSELDORF. Welche wirtschaftlichen Folgen hatte die französische Revolution? In einem alten Ökonomenwitz lautet die Antwort des Professors für Volkswirtschaftslehre (VWL) auf diese Frage: „Es ist noch zu früh, um das zu sagen.“

In der Realität hat sich die VWL bislang erstaunlich wenig mit den ökonomischen Effekten eines der wichtigsten Ereignisse der neuzeitlichen Geschichte Europas auseinandergesetzt. 220 Jahre nach dem Sturm auf die Bastille versuchen vier amerikanische Ökonomen der Elite-Universitäten Harvard und MIT nun, diese Lücke zu schließen. Mit den Instrumenten der modernen Ökonometrie und historischen Daten haben sie die Folgen für Wachstum und Wohlstand so exakt wie möglich gemessen.

Und anders, als der Kalauer nahelegt, kommt das Forscherteam um den MIT-Professor Daron Acemoglu zu sehr greifbaren Ergebnissen: Trotz Terrorherrschaft und Chaos war die Französische Revolution mittel- bis langfristig ein enorm wichtiges Programm für mehr Wachstum und höheren Lebensstandard.

Ohne den Untergang der Feudalherrschaft wäre die Wirtschaftsgeschichte in den folgenden 100 Jahren wohl ganz anders verlaufen. Die Industrielle Revolution hätte ohne die Französische wohl nicht stattgefunden.

Acemoglu und seine Co-Autoren konzentrierten sich in ihrer Studie nicht nur auf Frankreich, sondern auf die anderen Regionen Europas, die im Zuge der Revolutionskriege ab 1794 die Folgen des Umsturzes in Frankreich zu spüren bekamen. Dieser Ansatz hat deshalb Charme, weil verschiedene Regionen dem revolutionären Einfluss zu verschiedenen Zeitpunkten und unterschiedlich intensiv ausgesetzt waren. So waren die Niederlande, Belgien und das Rheinland wenige Jahre nach der Revolution französisch besetzt – in anderen Regionen, wie zum Beispiel Bayern und Württemberg, dagegen war der direkte Einfluss der Revolution weit geringer.

Diese Unterschiede nutzen die Wissenschaftler aus – sie gehen der Frage nach, ob es in der späteren wirtschaftlichen Entwicklung der verschiedenen Länder systematische Unterschiede gibt. Weil es nur wenige verlässliche statistische Daten zum Bruttoinlandsprodukt im 19. Jahrhundert gibt, ziehen sie als Indikator für den wirtschaftlichen Wohlstand die Urbanisierungsquote heran – ein unter Wirtschaftshistorikern übliches Vorgehen. Dahinter steckt die Überlegung: Je mehr Menschen in Städten leben, desto produktiver muss die Landwirtschaft und desto besser muss die Transport-Infrastruktur sein, ansonsten wären Metropolen nicht überlebensfähig gewesen.

Um den Grad des revolutionären Einflusses zu messen, dem eine Region ausgesetzt war, konstruieren die Wissenschaftler einen einfachen Index, in den die Jahre, die ein Land unter französischer Herrschaft war, einfließen – und die Anzahl der von den neuen Herrschern umgesetzten institutionellen Reformen. Vor allem in verschiedenen deutschen Ländern gab es dabei enorme Unterschiede: Für das Rheinland ist der Reform-Index rund dreimal so hoch wie in Bayern.

In den ersten Jahrzehnten nach der Revolution war der Einfluss der Franzosen auf die wirtschaftliche Prosperität der Länder noch relativ gering. Ab 1850 aber ändert sich das Bild – danach wächst der Wohlstand in Ländern, die stärker von der Revolution betroffen waren, deutlich schneller: Im Jahr 1900 war die Urbanisierungsquote in Ländern, die zehn Jahre französisch kontrolliert waren, um neun Prozentpunkte höher, stellen die Forscher fest – angesichts der durchschnittlichen Urbanisierungsquote von rund 41 Prozent ein beachtlicher Effekt.

Der entscheidende Grund dafür war laut Acemoglu und Co.: Die Revolution hat alte, wachstumsfeindliche Institutionen ins Wanken gebracht. Adel, Aristokratie und Klerus verloren ihre Privilegien, die Zünfte wurden abgeschafft und die Bauern befreit. Leibeigenschaft und andere Formen der Feudalherrschaft waren in den französisch besetzen Gebieten Geschichte, der Arbeitsmarkt öffnete sich. Zudem verhalf die Revolution dem Prinzip der Gleichheit vor dem Gesetz zum Durchbruch.

„Durch die Französische Revolution wurden Barrieren, die Industrialisierung und technischen Fortschritt behinderten, beseitigt“, argumentieren die Forscher. Dass die neuen Institutionen den von Frankreich besetzten Nachbarländern mit Zwang übergestülpt wurden, habe keine negative Rolle gespielt. Damit widersprechen die Ökonomen dem von vielen Institutionsforschern vertretenen Argument, optimale Institutionen müssen sich evolutionär entwickeln und könnten nicht vom grünen Tisch aus gesteuert werden.

„Unsere Ergebnisse sind nicht nur für Historiker interessant“, betonen die Wissenschaftler. „Sie machen vielmehr deutlich, wie wichtig Institutionen und institutioneller Wandel für die wirtschaftliche Entwicklung sind.“ Diese Erkenntnis hat sich bis ins Nobelpreis-Komitee herumgesprochen – mit Elinor Ostrom und Oliver Williamson werden in diesem Jahr zwei Pioniere der Institutionenökonomik ausgezeichnet.

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