Schulbildung
Martin Luther – ein Feminist der ersten Stunde?

Als Martin Luther am 31. Oktober 1517 seine 95 Thesen an die Schlosskirche in Wittenberg schlägt, macht er damit nicht nur der katholischen Kirche Konkurrenz. Auch auf die Schulbildung der Mädchen haben Luthers Forderungen großen Einfluss. Wie Luther das wirtschaftliche und gesellschaftliche Gefüge in Deutschland grundlegend veränderte.

DÜSSELDORF. Für Wissenschaftler ist Martin Luther bis heute ein interessantes Forschungsobjekt. Der Soziologe Max Weber war bereits 1904 der Ansicht, dass erst die Reformation modernes Unternehmertum und industrielle Revolution möglich gemacht hat.

Die Wirtschaftswissenschaftler Sascha Becker von der University of Stirling und Ludger Wößmann von der Ludwig-Maximilians-Universität in München haben im vergangenen Jahr in ihrer viel beachteten Studie „Was Weber Wrong?“ gezeigt: Das von Weber postulierte Wohlstandsgefälle zwischen Protestanten und Katholiken existierte im Preußen des 19. Jahrhundert tatsächlich. Bei der Erklärung des Phänomens aber irrte Weber. Es war nicht die Arbeitsethik, die die Protestanten reicher machte, sondern ihre besseren Lese- und Schreibfähigkeiten. Denn genau darauf hatte Luther großen Wert gelegt. Er wollte, dass möglichst jeder die Bibel lesen kann.

Dank dieser Forderung hat sich auch die Bildungslücke zwischen den Geschlechtern deutlich verringert. Und dies scheint Folgen zu haben, die auch fast 500 Jahre später noch spürbar sind. Das zeigen Becker und Wößmann jetzt in einer neuen Studie mit dem Titel „Luther and the Girls“.

Im Jahr 1520 forderte Luther zum ersten Mal: Nicht nur Jungen, sondern auch Mädchen sollten lesen und schreiben können. Sie sollten in der Lage sein, die Bibel zu studieren. „Und wollte Gott, eine jegliche Stadt hätte auch eine Mädchenschule, darinnen täglich die Mägdlein eine Stunde das Evangelium hörten“, schrieb Luther in der Schrift „An den christlichen Adel deutscher Nation von des christlichen Standes Besserung“: „Sollte nicht billig ein jeglicher Christenmensch bei seinen neun oder zehn Jahren wissen das ganze heilige Evangelium?“

Luthers Ansinnen trug Früchte, weisen Becker und Wößmann in ihrer wirtschaftshistorischen Studie nach. Die Reformation führte dazu, dass deutlich mehr protestantische Mädchen zur Schule gingen.

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