Spätfolgen der Sklaverei Afrikas trauriges Geheimnis

Warum findet Afrika wirtschaftlich partout keinen Anschluss an den Rest der Welt? Ein Harvard-Ökonomen hat eine spektakuläre These: Der Kontinent leidet bis heute unter den Spätfolgen der Sklavenjagd im 14. bis 19. Jahrhundert . Lesen Sie, wie der Forscher zu seiner Erkenntnis kommt - und wie es sie begründet.
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Ein Bootsflüchtling aus Afrika nach seiner Landung auf den Kanarischen Inseln. Quelle: dpa

Ein Bootsflüchtling aus Afrika nach seiner Landung auf den Kanarischen Inseln.

(Foto: dpa)

Es ist eine ausgewachsene ökonomische Tragödie, die sich seit Jahrzehnten in Afrika abspielt. Die Zahl der Armen, die von weniger als 1,50 Dollar pro Tag leben müssen, ist seit Anfang der siebziger Jahre um mehr als 200 Millionen gestiegen. Weltweit dagegen gibt es heute 400 Millionen Menschen weniger, die mit so wenig auskommen müssen - vor allem wegen der rasanten Wohlstandsgewinne in Asien.

Warum ist Afrika so krass vom Rest der Welt wirtschaftlich abgekoppelt? Entwicklungsökonomen zerbrechen sich seit Jahren die Köpfe über diese Frage. Korrupte Politiker und verrottete staatliche Institutionen, schlechte Infrastruktur und die in Stämme fragmentierte Gesellschaften kristallisieren sich als wichtige Faktoren heraus.

Die eigentlichen Ursachen für die Probleme liegen allerdings noch wesentlich tiefer - das zumindest ist das Ergebnis einer Studie des Harvard-Ökonomen Nathan Nunn, die im Februar im renommierten "Quarterly Journal of Economics" erschien. Nunn kommt darin zu dem Schluss: Letztlich sind es die Folgen des Sklavenhandels, unter denen der Kontinent bis heute massiv leidet. Die Sklavenjagd habe die sozialen und gesellschaftlichen Strukturen Afrikas nachhaltig zersetzt.

An sich ist Nunns These wenig originell - dennoch ist seine Studie spektakulär. Historiker spekulieren seit langem über die Nachwirkungen des Sklavenhandels, handfeste Belege dafür gab es aber nicht. Nunn gelingt es nun erstmals, diese Lücke zu schließen. Mit harten Zahlen liefert er den Nachweis, dass tatsächlich ein kausaler Zusammenhang existiert.

Fast 500 Jahre lang, vom 15. bis ins 19. Jahrhundert, hatte der Sklavenhandel dramatische Ausmaße. Fast 18 Millionen Afrikaner wurden in dieser Zeit als Sklaven verkauft; zwei Drittel davon nach Nordamerika, der Rest in Richtung Rotes Meer, Indischer Ozean und innerhalb Afrikas. Ohne diese Verschleppung hätten in Afrika Mitte des 19. Jahrhunderts doppelt so viele Menschen gelebt wie tatsächlich.

Für seine Arbeit hat Nunn aus vielen Quellen alle verfügbaren Zahlen über den Sklavenhandel zusammengetragen. Eine wichtige Grundlage sind die Hafenpapiere der Sklavenschiffe, mit denen die Unglücklichen aus Afrika abtransportiert wurden. Für fast 35 000 Transporte, die zwischen 1514 und 1866 stattfanden, kennt der Ökonom die Abfahrtshäfen in Afrika und die Zahl der Sklaven an Bord. Anhand von Registern, Aufzeichnungen von Märkten und Gerichtsdokumenten zieht er zudem Rückschlüsse auf die ethnische Herkunft der Sklaven.

Davon ausgehend, rechnet der Ökonom hoch, wie viele Menschen aus welchen Regionen Afrikas verschleppt wurden. Am schlimmsten betroffen war Angola, wo 3,6 Millionen Menschen versklavt wurden, gefolgt von Nigeria (zwei Millionen), Ghana (1,6 Millionen) und Äthiopien (1,4 Millionen). In anderen Ländern dagegen gab es das Phänomen quasi nicht - etwa in Namibia, Südafrika und Botswana

Nunn weist nach: Je stärker das Land vom Sklavenhandel betroffen war, desto schlechter steht es heute wirtschaftlich da. Über Ursache und Wirkung sagt das zunächst noch wenig aus. Schließlich ist es durchaus plausibel, dass der Sklavenhandel in ökonomisch schwachen Regionen boomte und diese bis heute unterentwickelt geblieben sind. Dann wäre die Menschenjagd nicht Ursache, sondern Folge der wirtschaftlichen Schwäche.

Nunn kommt zu dem Schluss: Viele Indizien deuten darauf hin, dass die Sklaverei tatsächlich für die wirtschaftlichen Probleme der Regionen verantwortlich ist. So zeigen Nunns Berechnungen, dass die Menschenjagd nicht in besonders armen, sondern in eher reichen Regionen Afrikas verbreitet war. "Wohlhabende Gegenden waren dichter besiedelt, daher war es dort leichter, viele Sklaven einzufangen", schreibt der Ökonom.

Aber wie lässt sich erklären, dass Dinge, die vor Hunderten von Jahren passiert sind, bis heute nachwirken? Einiges spricht dafür, dass die Menschenjagd in den betroffenen Regionen die sozialen und gesellschaftlichen Strukturen nachhaltig vergiftet hat. Die Sklaventreiber hatten große Anreize, Bürgerkriege und Konflikte zu schüren, da diese ihnen die Arbeit leichter machten. Bestehende Staatswesen, zum Beispiel das Königreich Kongo, wurden dadurch so sehr destabilisiert, dass sie zusammenbrachen.

Der Kollaps der staatlichen Institutionen dürfte zudem mitverantwortlich für die extreme ethnische Zersplitterung des Kontinents sein - weil Volksstämme die einzigen Organisationseinheiten waren, die einen gewissen Schutz vor Menschenjägern geben konnten, wurden sie im Zuge der Sklavenjagd wichtiger. "Der Sklavenhandel behinderte die Bildung von größeren ethnischen Gruppen und führte zu ethnischer Zersplitterung", schreibt Nunn.

Diese kleinteiligen gesellschaftlichen Strukturen erweisen sich in der heutigen Welt als extrem hinderlich. Denn das Erfolgsgeheimnis moderner marktwirtschaftlich organisierter Gesellschaften ist die wirtschaftliche Arbeitsteilung und anonyme Markt-Transaktionen. Beides funktioniert nur, wenn sich fremde Menschen vertrauen und miteinander kooperieren.

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