Studie: Analysten haben starken Herdentrieb
Wie die Lemminge

Die jüngste Kurskorrektur an den Börsen ließ Kapitalmarkt-Analysten wieder einmal ziemlich schlecht aussehen – kaum einer hatte so einen Rückschlag erwartet. Ein Grund dafür: Viele Analysten schreiben einfach von ihren Kollegen ab. Ökonomen haben diesen Herdentrieb jetzt erstmals wissenschaftlich nachgewiesen.

DÜSSELDORF. Bis Ende Februar waren sich so gut wie alle Marktbeobachter einig: Der Aufwärtstrend an den weltweiten Aktienmärkten ist ungebrochen. Am 27. Februar dann das böse Erwachen – ausgehend von Shanghai setzte an den Börsen eine Korrektur ein, die die gesamten Kursgewinne des laufenden Jahres ausradierte. So gut wie kein Marktbeobachter hatte dies auf der Rechnung.

Nicht zum ersten Mal sieht die versammelte Analystenzunft derart schlecht aus. Gerade Trendwenden bereiten ihr regelmäßig Probleme.

Schon lange vermuten Finanzmarktforscher, dass der Herdentrieb vieler Analysten einer der zentralen Gründe dafür ist. So zeigte der an der Brown University forschende deutsche Finance-Professor Ivo Welch bereits im Jahr 2000: Wenn Analysten ihre Empfehlungen revidieren, dann mit deutlich größerer Wahrscheinlichkeit in die Richtung der Mehrheitsmeinung als davon weg.

Aus der Sicht eines Analysten macht es durchaus Sinn, von Kollegen abzuschreiben. Wer sich zu sehr von der Mehrheit entfernt, zieht Hohn und Spott auf sich. Albert Edwards, Chefstratege der Investment-Bank Dresdner Kleinwort, erlebte das im Sommer 2001, nachdem er das Ende des US-Booms prognostiziert hatte. Im Onlineforum der Bank erntete er jede Menge Spott. Ein Anleger forderte gar: „Schicken Sie diesen alten, sklerotischen, gefährlichen Mann in Rente.“

Solange sich ein Analyst am Konsens orientiert, ist die Gefahr, negativ aufzufallen, deutlich geringer. Wenn man falsch liegt, hat man sich nicht alleine geirrt. Und die Gefahr, beim Abschreiben erwischt zu werden, ist gering. Leicht kann man sich damit herausreden, man könne doch nichts dafür, wenn die Kollegen die verfügbaren Informationen genauso bewerten wie man selbst.

Doch über alle Analysten hinweg zieht diese Ausrede nicht – das führen zwei Ökonomen aus den USA und Süd-Korea in einer neuen Studie vor Augen. Narasimhan Jagdeesh und Woojin Kim haben den Herdentrieb der Analysten mit einer kreativen Methode untersucht und kommen zu dem Schluss: „Unsere Ergebnisse sprechen dafür, dass Revisionen von Aktien-Empfehlungen teilweise durch den Wunsch der Analysten getrieben sind, der Mehrheitsmeinung zu folgen.“

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