Studie: Deutsches Schulsystem ist ungerecht
Bildung für alle - nach finnischem Vorbild

In Deutschland hängt der Bildungserfolg stärker als in vielen anderen Ländern vom sozialen Status der Eltern ab. Schuld daran ist das hiesige Schulsystem, das die Schüler schon nach der vierten Klasse in verschiedene Schultypen aufteilt, zeigen mehrere Studien

Bundespräsident Horst Köhler griff zu kräftigen Worten: „Beschämend“ sei es, dass in Deutschland ein Kind aus einem Akademikerhaushalt mit einer viermal höheren Wahrscheinlichkeit das Gymnasium besuche als ein Kind aus einer Facharbeiterfamilie. Bildungschancen „dürfen nicht von der Herkunft abhängen“, sagte der Bundespräsident in einer Berliner Hauptschule

.

Dabei scheinen Köhlers Zahlen scheinen sogar noch zu beschönigen. Nach einer Studie des deutschen Ökonomen Christian Dustmann, der in London lehrt und forscht, liegt die Gymnasiumswahrscheinlichkeit der beiden Gruppen eher bei eins zu acht als bei eins zu vier. Populäres Vorbild für alle, die es sehen wie Köhler, ist Finnland. Das Land war nicht nur PISA-Spitzenreiter, es kann auch viel gleichmäßigere Schüler-Leistungen aufweisen als Deutschland.

Eine neue Studie von drei finnischen Ökonomen zeigt, welchen Einfluss eine Reform des finnischen Bildungssystems Anfang der siebziger Jahre auf die Chancengleichheit der Schüler hatte. Diese Ergebnisse sind für Deutschland relevant. Denn bis zu der Reform glich das finnische System stark dem heutigen deutschen – insbesondere, was die frühe Aufteilung der Kinder nach nur vier Jahren auf verschiedene Schulformen angeht.

Zwischen 1972 und 1977 wurde in Finnland das zweigliederige System auf eine Einheitsschule umgestellt, die alle Schüler neun Jahre lang besuchen. Die Einheitsschule soll allen Schülern die Kenntnisse und Fertigkeiten beibringen, die sie für den Besuch der Oberschule brauchen. Erst mit 16 Jahren findet die Aufteilung auf eine gymnasiale Oberstufe und auf berufsbildende Schulen statt. Außerdem wurde ein Zentralabitur eingeführt.

Die drei finnischen Ökonomen verglichen für sechs Jahrgänge Schüler, die nach dem alten und dem neuen System unterrichtet wurden. Das Ergebnis: Die Einheitsschule reduzierte die Abhängigkeit der Einkommen der Söhne vom Elterneinkommen beträchtlich – offenbar ohne negative Auswirkungen auf die allgemeine Bildungsqualität zu haben, wie die PISA-Studie zeigt. Eine Untersuchung aus Deutschland, die individuelle PISA-Testergebnisse aus den beiden Ländern mit Informationen über Schüler und Schulen verknüpft, stützt die Schlussfolgerung, dass eine spätere Selektion die Chancengleichheit fördert. Andreas Ammermueller vom ZEW in Mannheim stellt fest: Mittelausstattung, Lehrerausbildung und Schüler-Lehrer Relationen tragen kaum etwas zur Erklärung des schlechteren Abschneidens deutscher Schüler bei. Trotz des geringen Anteils von Ausländern in Finnland ist die Schülerstruktur in Deutschland sogar günstiger – wenn man auch Bildungsniveau der Eltern und andere Faktoren mit einbezieht. Sein Fazit: Deutschland scheitere vor allem bei der Bildungsvermittlung an die schwächeren Schüler, die in der Regel einen ungünstigen Familienhintergrund haben: „Durch die frühe Selektion haben sie kaum eine Möglichkeit, diesen Startnachteil zu kompensieren, bevor sie auf die verschiedenen Schultypen aufgeteilt werden.“

Download der im Text erwähnten Studien zu diesem Thema:

"Education Policy and Intergenerational Income Mobility: Evidence from the Finnish Comprehensive School Reform" - von Tuomas Pekkarinen, Roope Uusitalo und Sari Pekkala, IZA Discussionpaper No. 2204 (Juli 2006)

"Parental background, secondary school track choice, and wages" - von Christian Dustmann, Oxford Economic Papers 56 , S.209–230 (2004)

„PISA: What Makes the Difference? Explaining the Gap in Test Scores Between Finland and Germany“ – von Andreas Ammermueller, erscheint in Empirical Economics, im Internet derzeit nicht verfügbar, bitte wenden Sie sich an den Autor

Educantional Opportunities and the Role of Schooling Institutions - von Andreas Ammermueller, ZEW Discussion Paper No. 05-44 (Juni 2005) - Im diesem im Handelsblatt-Bericht aus Platzgründen nicht besprochen Paper wird in einem internationalen ökonometrischen Vergleich gezeigt, dass der soziale Hintergrund von Schülern um so stärker auf ihren Schulerfolg durchwirkt, je stärker die Schüler auf verschiedene (öffentliche) Schultypen aufgeteilt werden, und je mehr private Schulen es gibt.

"Does Educational Tracking Affect Performance and Inequality? Difference-in-Difference Evidence across Countries" - von Eric A. Hanushek und Ludger Wößmann, erscheint in: Economic Journal; verfügbar als CES-Ifo Working Paper Nr. 1415 (2005). Dieses Paper, das bereits im November 2005 in der Wissenswert-Rubrik vorgestellt wurde ( "Das große Einmaleins der Ungerechtigkeit" ), kommt ebenfalls zu dem Ergebnis, dass die frühe Mehrgliedrigkeit des deutschen Schulsystems der Hauptgrund dafür ist, dass der Bildungserfolg von Kindern so stark von ihrer sozialen Herkunft abhängt.

Norbert Häring berichtet für das Handelsblatt über Wirtschaftswissenschaften. Quelle: Pablo Castagnola
Norbert Häring
Handelsblatt / Ökonomie-Korrespondent
Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%