Studie: Räumliche Distanz spielt im Handel nach wie vor große Rolle
Warum die Welt ökonomisch noch lange kein Dorf ist

"Die Erde ist eine Scheibe", behauptet Besteller-Autor Thomas L. Friedman mit Blick auf die globalisierte Weltwirtschaft. Zwei niederländische Ökonomen zeigen jetzt: Diese These gehört ins Reich der Phantasie.

Die These ist spektakulär und hat ihren Urheber reich gemacht. „Die Erde ist eine Scheibe“, behauptet der New-York-Times-Kolumnist Thomas L. Friedman mit Blick auf die globalisierte Weltwirtschaft. Sein 2005 erschienenes Buch darüber hat sich allein in den USA mehr als zwei Millionen mal verkauft, in 25 Sprachen wurde es übersetzt. Computer und Internet, so Friedmans zentrale Aussage, haben die Welt kleiner werden lassen. Für die Wirtschaft spiele räumliche Entfernung keine Rolle mehr: „Heute haben die Menschen überall auf der Welt die gleichen Werkzeuge, um auf dem Weltmarkt mitzumischen.“

Für wissensintensives Arbeiten – zum Beispiel wissenschaftliche Forschung an Hochschulen – gibt es inzwischen handfeste Indizien, dass dadurch tatsächlich die bisherigen Strukturen ins Wanken geraten (siehe: „Demokratisierung der Ökonomie“).

Für die Gesamtwirtschaft aber gehört Friedmans Feststellung weitgehend ins Reich der Phantasie – diese These zumindest vertreten zwei niederländische Außenhandelsökonomen in einer jüngst veröffentlichten Studie. „Die Erde ist wirtschaftlich weder eine Scheibe noch ist Distanz bedeutungslos geworden“, lautet das Fazit von Steven Brakman und Charles van Marrewijk.

Die Forscher haben Friedmans Thesen einem Realitätscheck unterzogen. Ihr Fazit: „Sowohl die geographischen Handelsströme als auch die Muster bei den internationalen Direktinvestitionen sprechen dafür, dass räumliche Entfernung nach wie vor ein zentraler wirtschaftlicher Faktor ist.“ Einiges deutet sogar darauf hin, dass seine Bedeutung eher wächst als abnimmt.

Wie wichtig der Ort eines Gutes für seinen Wert ist, führen sie an einem einfachen Beispiel vor Augen: Die Produktionskosten einer Barbie-Puppe liegen in China unter einem Doller – in den USA aber wird die gleiche Puppe für 10 Dollar und mehr verkauft wird. Allein mit der Gewinnspanne des Herstellers lässt sich diese Differenz nicht erklären, zeigen die Forscher. Nach wie vor spielen Transport- und Vertriebskosten eine erhebliche Rolle. Wirtschaftswissenschaftler schätzen diese so genannten „steueräquivalenten Handelskosten“ für die Industrieländer im Schnitt auf 170 Prozent des Handelswertes. Diese Kosten hemmen den Welthandel erheblich – und führen dazu, dass die wirtschaftlichen Verhältnisse nach wie vor extrem unterschiedlich sind. Globalisierung hin oder her – „bis heute gibt es keinen großen globalen Gleichmacher“, so Brakman und van Marrewijk.

Mit einer Analyse der globalen Handelsströme zwischen einzelnen Ländern machen sie deutlich: Wie weit zwei Staaten räumlich voneinander entfernt sind, ist neben ihrer wirtschaftlichen Größe nach wie vor die zentrale Determinante für das Handelsvolumen zwischen ihnen.

„Wenn die Entfernung zwischen Ländern um zehn Prozent größer ist, sind die Handelsströme durchschnittlich um neun Prozent kleiner“, lautet das Fazit der niederländischen Forscher – ein Phänomen, das im Mittelpunkt von „Gravitationsmodellen“ steht und das auch im Internet-Zeitalter stabil zu sein scheint.

Erstaunlich ist: Eine Analyse historischer Handelsdaten seit 1860 zeigt, dass die Bedeutung der Entfernung zwischen Ländern im 19. und frühen 20. Jahrhundert sogar geringer war als derzeit. „Das widerspricht Friedmans These deutlich.“

Ähnliches gilt für die Verteilung der Direktinvestitionen. „Zu- und Abflüsse von Direktinvestitionen konzentrieren sich auf die hoch entwickelten Staaten“, betonen Brakman und van Marreqwijk. Dies werten sie als Indiz dafür, dass die Unternehmen mit den Investitionen vor allem neue Kundengruppen erschließen wollen – und die Produktionsverlagerung in Billiglohn-Länder nur eine sekundäre Rolle spielt.

Dass die Distanz nach wie vor nicht tot ist, erklären die Ökonomen damit, dass die reinen Transportkosten im internationalen Handel längst nicht alles sind. Hinzu kommen Kosten durch direkte und indirekte Handelshemmnisse, Sprachbarrieren und unterschiedliche Rechtssysteme. „Die Welt“, so Brakman und van Marrewijk, „ist keineswegs kleiner geworden.“

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