Studie: Viele Job-Probleme von Älteren sind hausgemacht
Hartz-IV nutzt älteren Arbeitslosen

Sie wurden gescholten wie kaum eine andere Reform vorher - die Hartz-Reformen. Besonders umstritten: Die Kürzung der Bezugsdauer des Arbeitslosengeldes für Ältere. Doch dies erhöht tatsächlich die Arbeitsmarktchancen der 50-plus-Generation, zeigen Studien.

Für Detlef Wetzel, den Chef der nordrhein-westfälischen IG Metall, ist die Sache klar: „Rente mit 67, das heißt doch nur, arbeitslos sein und Hartz IV bis 67“, wettert der Gewerkschafter gegen die von der Bundesregierung geplante Verlängerung der Lebensarbeitszeit. Schon heute, so das Argument der Gewerkschaft, seien über 55-Jährige stärker von Langzeitarbeitslosigkeit betroffen als Jüngere.

Tatsächlich ziehen sich in Deutschland viele Menschen schon ab Mitte 50 vom Arbeitsmarkt zurück: Nur 39 Prozent aller 55- bis 64-Jährigen sind noch erwerbstätig. Kein Wunder, dass Sozialpolitiker aller Coleur die im Zuge der Hartz-Reformen beschlossene kürzere Bezugsdauer des Arbeitslosengeldes für ältere Arbeitslose ablehnen.

Volkswirte argumentieren dagegen genau anders herum: Dass älterer Menschen schlechtere Karten auf dem Arbeitsmarkt haben, ist ihrer Ansicht nach zumindest zu einem großen Teil Folge einer fehlgeleiteten Sozial- und Arbeitsmarktpolitik. So führe ein hohes Absicherungsniveau für Arbeitslose jenseits der 50 dazu, dass die Betroffenen nur wenig Anreize haben, sich nach einem neuen Job umzusehen.

Theoretisch lässt sich diese These relativ leicht herleiten. Aber trifft sie auch in der Realität zu?

Ja, lautet das Fazit des deutschen Ökonomen Ralf Wilke, der bis Hebst 2006 am Mannheimer Zentrum für Europäische Wirtschaftsforschung tätig war und jetzt an der britischen Leicester University forscht.

Zusammen mit seinen Ko-Autoren Eva Müller und Philipp Zahn hat Wilke die Folgen der deutschen Arbeitslosengeld-Reform von 1997 empirisch untersucht. Damals kürzte der Gesetzgeber erstmals die Bezugsdauer des Arbeitslosengeldes für ältere Arbeitnehmer: Vor der Reform konnten 54- bis 56-Jährige 32 Monate lang Arbeitslosengeld beziehen, hinterher nur noch 26 Monate lang.

Grundlage der Untersuchung waren detaillierte Daten des Nürnberger Instituts für Arbeitsmarkt und Berufsforschung (IAB). Die Denkfabrik der Bundesagentur für Arbeit pflegt eine Datenbank, in der sich anonymisiert die individuellen Erwerbsbiographien von zwei Prozent aller Arbeitnehmer in Deutschland nachvollziehen lassen.

Das Forscherteam um Wilke betrachtete, wie sich vor und nach der Reform die Arbeitsmarkt-Chancen von Arbeitnehmern im Alter von 52 bis 57 Jahren entwickelten. Das methodische Vorgehen der Ökonomen ermöglichte es, den Effekt der Arbeitsmarkt-Reform von anderen Faktoren wie der konjunkturellen Lage zu trennen. Die Wissenschaftler verglichen die Arbeitsmarkt-Chancen der 54- bis 56-Jährigen – nur diese waren der Reform betroffen – mit denen der 52- und 53-Jährigen sowie der 57-Jährigen. Für diese beiden Altersgruppen änderte sich durch die Reform von 1997 nichts.

Das Ergebnis: Die Wahrscheinlichkeit, den Job zu verlieren, ist zwischen 1995 und 2000 für die 54- bis 56-Jährigen deutlich stärker gesunken als für Beschäftigte, die etwas jünger oder etwas älter waren. Zudem zeigt sich: Ein 54- bis 56-Jähriger, der arbeitslos wird, findet nach 1997 deutlich schneller einen neuen Job als vorher. „Vor der Reform sind sowohl die 54- bis 56-Jährigen als auch die 57-Jährigen länger arbeitslos als die Referenzgruppe der 52- bis 53-Jährigen.“ Nach der Reform seien zwischen der jüngeren und der mittleren Altersgruppe keine signifikanten Unterschiede mehr feststellbar.

Diesen Befund kann man mit dem unterschiedlichen Lebensalter der Betroffenen nicht plausibel erklären – dafür sind die Unterschiede zu gering. Auch die konjunkturelle Lage war für alle Beteiligten gleich. Daher kommen die Forscher zu dem Schluss: „Reformen der betrachteten Art scheinen substantiell zur Absenkung der Altersarbeitslosigkeit beitragen zu können.“

Dafür, dass diese Ergebnisse nicht nur einfach ein Zufallstreffer sein dürften, spricht: Auch in anderen Ländern stellten Wissenschaftler ähnliche Effekte fest. So zeigt Ralf Wilke zusammen mit dem finnischen Ökonomen Tomi Kyyrä für Finnland: Nachdem das skandinavische Land 1997 die Bezugsdauer des Arbeitslosengeldes für 53- bis 55-jährige beschränkte und so den Vorruhestand erschwerte, ging die Arbeitslosigkeit in dieser Altersgruppe deutlich zurück.

Für den finnischen Staat war die Reform mit erheblichen Einsparungen verbunden – pro Jahrgang fallen rund 100 Mill. Euro weniger Arbeitslosengeld an, so das Fazit der Studie, die in der März-Ausgabe des „Journal of the European Economic Association“ erscheint.

In Deutschland gibt es nach Ansicht des Forscherteams um Wilke im Zuge der Hartz-Reformen Hoffnungen auf eine weitere Besserung der Arbeitsmark-Chancen für Ältere: „Unsere Ergebnisse legen nahe, dass die gerade in Deutschland umgesetzte Verkürzung der maximalen Anspruchsdauer auf 18 Monate zu einer erheblichen Verringerung der Arbeitslosigkeit der Gruppe der 57-Jährigen und Älteren führen wird, da ein nahtloser Übergang von Arbeitslosigkeit in Rente nicht mehr möglich ist.“

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%