Studie von Makroökonomen:: 36 Prozent Zinssteuern sind optimal

Studie von Makroökonomen:
36 Prozent Zinssteuern sind optimal

Über wenig Dinge herrscht in der ökonomischen Wissenschaft so viel Konsens wie darüber, dass Kapitalerträge am besten gar nicht besteuert werden sollten. Eine neue makroökonomische Studie zeigt nun: Wenn man die theoretischen Modelle zur Analyse der Steuerwirkungen nur etwas realitätsnäher gestaltet, gerät die Mehrheitsmeinung massiv ins Wanken.
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Was passiert, wenn Sie einen Volkswirt morgens um halb vier Uhr aus dem Bett klingeln und fragen, was er gesamtwirtschaftlich von Steuern auf Zinsen und Dividenden hält? Wahrscheinlich wird er ihnen ohne große Umschweife antworten: "Nichts!"

Über wenige Dinge herrscht unter Ökonomen so viel Einigkeit wie über den Befund, dass Kapitalertragsteuern für den langfristigen Wohlstand eines Landes schlecht sind. Schließlich verzerren sie die Finanzmärkte und machen Investitionen künstlich teurer. Dies hat zur Folge, dass der Kapitalstock langsamer wächst als ohne die Steuer - dadurch sind die Konsummöglichkeiten kleiner. Der langfristig optimale Steuersatz auf Kapitalerträge, so die ökonomische Mainstreammeinung, ist null.

Ein dreiköpfiges Forscherteam stellt diese herrschende Meinung nun infrage. Die Wissenschaftler zeigen: Wenn man die theoretischen Modelle, mit denen Ökonomen die Wirkungen von Steuern analysieren, nur ein bisschen realitätsnäher gestaltet, lässt sich die Konsensmeinung nicht halten. Einer der beteiligten Wissenschaftler ist der deutsche Volkswirt Dirk Krüger. Der Professor an der renommierten University of Pennsylvania veröffentlicht regelmäßig Aufsätze in den mit Abstand besten VWL-Fachzeitschriften der Welt. Die neue Studie, die Krüger mit Juan Conesa (Universitat Autonoma de Barcelona) und Sagiri Kitao (University of Southern California) geschrieben hat, befindet sich beim "American Economic Review" in der zweiten Runde des Gutachterverfahrens.

Ausgangspunkt ist die Tatsache, dass so gut wie alle Steuerarten negative Verzerrungen mit sich bringen: Einkommensteuern machen das Arbeiten unattraktiver und senken das Beschäftigungsvolumen; Zinssteuern schmälern Investitionen und Kapitalstock. Beides hat negative Folgen für den Lebensstandard der Menschen. Zugleich aber kann eine kluge Umverteilungspolitik auch positive Wirkungen haben, betonen die Ökonomen. Und mit der richtigen Strategie lasse sich der ökonomische Kollateralschaden der Steuern minimieren.

Die Forscher analysieren die Wechselwirkungen in einem Mehrgenerationen-Modell, wie es in der modernen Makroökonomie Standard ist. Darin entscheiden rationale Akteure mit begrenzter Lebenserwartung in jeder Periode, wie viel sie arbeiten, konsumieren und sparen.

Neu ist bei dem Modell von Krüger und Co., dass die Menschen unterschiedlich begabt und ausgebildet sind. Über die Produktivität eines Beschäftigten entscheidet der Zufall im Moment der Geburt. Zudem sind die Akteure dem Risiko ausgesetzt, krank zu werden. Die Kapitalmärkte funktionieren in dem Modell nicht wie im theoretischen Idealfall absolut perfekt und reibungslos, sondern die Möglichkeiten der Kreditaufnahme sind beschränkt. Zudem ist es nicht möglich, sich individuell über den Markt komplett gegen wirtschaftliche Risiken abzusichern. Als Kriterium für die Wohlfahrt ziehen die Forscher den erwarteten Nutzen, den ein Neugeborenes über sein gesamtes Leben hat, heran - unabhängig von individueller Begabung und Ausbildung. In solch einer Welt kann Sozialpolitik die Wohlfahrt erhöhen: indem der Staat den Produktiven, Gesunden und Gutverdienern einen Teil ihres Einkommens wegnimmt und es an die weniger Produktiven und Kranken umverteilt.

Die entscheidende Frage lautet: Bei welchem Umverteilungsniveau und welchem Steuermix tarieren sich die positiven und negativen Effekte so aus, dass die gesamtwirtschaftliche Wohlfahrt maximal wird?

Um das Optimum konkret beziffern zu können, haben die Forscher ihr Modell mit konkreten Daten aus der US-Wirtschaft gefüttert. Ihr Ergebnis hat es in sich: Optimal wäre eine Kapitalertragsteuer in Höhe von 36 Prozent. Arbeitseinkommen sollten mit einer "Flat Tax" in Höhe von 23 Prozent besteuert werden, bei der es einen großzügigen Steuerfreibetrag gibt.

Erstaunlich ist: Die gesamtwirtschaftliche Wohlfahrt des Landes steigt - obwohl solch ein Steuersystem den Kapitalstock der Volkswirtschaft spürbar beschädigt. Dieser wäre um fast sieben Prozent geringer als in einer Situation, in der Arbeit und Kapital identisch mit je 26 Prozent besteuert würden. Die Wirtschaftsleistung des Landes wäre um mehr als zwei Prozent niedriger.

Zwei Effekte sind für dieses auf den ersten Blick paradoxe Phänomen verantwortlich: Zum einen werden durch die Transfers die Konsummöglichkeiten besser zwischen Reichen und Armen verteilt. Zum anderen arbeiten die Menschen etwas weniger und genießen mehr Freizeit. "Zusammen gleichen beide Effekte das im Durchschnitt niedrigere Konsumniveau mehr als aus", heißt es in der Studie.

Die ganz konkreten Steuersätze der Studie sollte man allerdings nicht überbewerten. Die Ergebnisse hängen unter anderem stark von den Annahmen über die Präferenzen der Menschen ab - und davon, wie deutlich ihr Arbeitsangebot auf die Einkommensteuer reagiert.

In einer Alternativrechnung mit anderen Nutzenfunktionen ermitteln die Ökonomen eine optimale Kapitalertragsteuer von 21 Prozent bei 34 Prozent Einkommensteuer. Grundsätzlich gilt: Je starrer ihr Arbeitsangebot ist, desto stärker sollte Arbeit und desto weniger sollte Kapital besteuert werden.

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