Studie:
Wer hohe Studiengebühren zahlt, beeilt sich an der Uni

Eine Studie aus Italien hebelt ein Argument gegen die Studiengebühren aus: Bislang hieß es, dass solche Gebühren das Studium eher verlängern als verkürzen. Doch die Erkenntnisse vier italienischer Ökonomen sprechen da für das Gegenteil.

FRANKFURT. Studenten wird gemeinhin nachgesagt, dass sie kein schlechtes Leben führen. Wenn nicht gerade Prüfungen anstehen, ist der Arbeitsanfall überschaubar, die Semesterferien sind lang und der Möglichkeiten zur erbaulichen Freizeitgestaltung mit gleich gesinnten Kommilitonen und Kommilitoninnen viele.

Für viele Studenten, die ihre Studium so ernst nehmen wie andere ihren Beruf, ist das ein Klischee. Andererseits scheint es aber doch bei vielen gewisse ungehobene Reserven zu geben, die dazu führen, dass sich das Studium über Gebühr in die Länge zieht.

So haben die vier italienischen Ökonomen Pietro Garibaldi, Francesco Giavazzi, Andrea Ichino und Enrico Rettore untersucht, wie sich Höhe und zeitliches Profil von Studiengebühren auf die Studiendauer auswirken. Denn international ist es für angehende Akademiker immer mehr zur Regel geworden, die Soll-Studienzeiten zu überschreiten, oft sogar sehr deutlich.

In der hitzigen Debatte über die Einführung von Studiengebühren ist eines der Gegenargumente, wenn auch nicht das wichtigste, dass Studiengebühren die Studienzeit verlängern könnten – weil manche Studenten dann mehr Zeit damit zubringen müssten, neben ihrem Lebensunterhalt auch noch die Studiengebühren zu verdienen.

Wenn dem tatsächlich so wäre, dann wären Studiengebühren auch jenseits etwaiger gesellschaftspolitischer Bedenken unvernünftig. Denn Studenten, die länger studieren, blockieren teure Kapazitäten. Da die Studiengebühren bei weitem nicht kostendeckend sind, könnten sie auf diese Weise leicht den Staat mehr kosten, als sie einbringen.

Diese Sorge scheint unberechtigt – wenn man davon ausgeht, dass sich italienische Studenten nicht wesentlich anders verhalten als deutsche. Eher scheint es so zu sein, dass die staatlich subventionierten Studienplätze den ein oder anderen Studenten dazu verleiten, es ruhiger angehen zu lassen und länger zu studieren.

Die vier Wissenschaftler untersuchten anhand von Daten der privaten Mailänder Bocconi-Universität, welchen Einfluss die Höhe der Studiengebühren auf die Dauer des Studiums hat. Dafür ist Bocconi besonders geeignet, weil die jährlichen Studiengebühren dort je nach Einkommen der Studenten und ihrer Eltern zwischen 715 Euro und 6 100 Euro variieren. Die Forscher analysierten die Daten von denjenigen Studenten, die sich nahe den zehn Sprungstellen befanden, an denen die Studiengebühr auf die nächsthöhere Stufe stieg.

Die Idee dahinter: Bei Studenten, deren Elterneinkommen knapp unter und knapp über diesen Sprungstellen liegt, ist die Einkommenssituation praktisch gleich, die Studiengebühren unterscheiden sich jedoch merklich. Das Ergebnis der aufwendigen statistischen Analyse: Bei einer um 1 000 Euro höheren Studiengebühr im vierten Jahr sinkt die Wahrscheinlichkeit, dass der betreffende Student ein weiteres Jahr dranhängt, um gut sechs Prozentpunkte von 80 auf 74 Prozent. Auf die Qualität der Abschlüsse, gemessen an den Noten, hatte die verkürzte Studienzeit derer, die mehr bezahlen, keinen nachteiligen Einfluss.

„In den meisten Fällen kommt das Geld für die Studiengebühren von den Eltern. Diesen beibringen zu müssen, dass sie ein Jahr länger zahlen sollen, scheint mit hohen psychologischen Kosten verbunden zu sein“, erklären die Wirtschaftsforscher die für sie überraschend große Wirkung höherer Studiengebühren. Immerhin ist ein Betrag von 1 000 Euro im Vergleich zu dem Einkommensverlust, den ein um ein Jahr längeres Studium bedeutet, relativ bescheiden. Bocconi-Studenten finden in aller Regel relativ schnell einen überdurchschnittlich gut bezahlten Arbeitsplatz.

Den Autoren der Studie geht es allerdings weniger um ein Plädoyer für Studiengebühren als um deren beste Ausgestaltung. Wenn man Studiengebühren hat, dann sollte man diese im Zeitablauf progressiv gestalten, ist eine wichtige Schlussfolgerung, die sie theoretisch und aus dem Datenmaterial ableiten.

Wenn am Anfang weniger bezahlt wird und später mehr, insbesondere ab dem letzten planmäßigen Jahr, dann wird die beflügelnde Wirkung der Gebühren maximiert. Denn Gebühren, die ein Student bereits in den ersten Studienjahren bezahlt hat, sind Geschichte und beeinflussen seine Abwägung zwischen größerer Anstrengung und einem entspannteren Studentenleben nicht mehr. Bei Gebühren, die er in Zukunft noch zahlen muss, ist das anders. Ein niedriger Gebührensatz zu Anfang senkt die Anreize, ernsthaft zu studieren, jedoch nicht, da man weiß und bei progressivem Verlauf auch immer wieder daran erinnert wird, dass die Gebühren später höher sein werden.

Die vier Autoren rechnen damit, dass man mit einer entsprechenden Umstrukturierung positive Multiplikatoreffekte erzielen könnte, weil sich die sozialen Normen unter Studenten in Richtung auf ein konzentrierteres und zielgerichteteres Lernen verschöben. Zur Unterfütterung dieser Vermutung führen sie verschiedene Studien an, die zeigten, dass Prämien oder Gebührenerlasse für erfolgreiche Schüler und Studenten auch bei denen zu besseren Leistungen führen, die von den Vergünstigungen von vorneherein nicht profitieren konnten. Die Ökonomen nennen das „Peer Effect“.

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