Studie zur Handelsliberalisierung
In der Falle der Globalisierung? Von Wegen!

Was passiert, wenn ein Land seine Zölle auf Importprodukte senkt? Eine faszinierende Fallstudie zeigt am Beispiel Indonesiens, dass die betroffenen Unternehmen dann deutlich produktiver werden. Aber nicht aus den Gründen, die Volkwirte bislang vermutet haben.
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Heiner Flassbeck, Chefvolkswirt der Uno-Konferenz für Handel und Entwicklung, liebt es, mit seinen Berufskollegen öffentlich ins Gericht zu gehen. Zum Thema Welthandel, lästerte der einstige Berater von Oskar Lafontaine im Sommer auf dem Wiener Globalisierungssymposium, falle Ökonomen seit 200 Jahren nichts Neues mehr ein. "Die Ökonomen haben David Ricardo und seine komparativen Kostenvorteile, und das war es", so Flassbeck. Viele Phänomene der Globalisierung könnten Volkswirte wegen der veralteten Instrumente nicht erklären.

Nun kann man der traditionellen VWL mit Recht einiges vorwerfen - Flassbecks Kritik aber geht trotzdem ins Leere. Gerade in den vergangenenJahren hat es in der Handelsforschung erhebliche Fortschritte geben: Immer häufiger untersuchen Forscher das Thema Außenwirtschaft nicht nur in abstrakten mathematischen Modellen, sondern arbeiten mit detaillierten Mikro-Daten aus einzelnen Unternehmen. Diese "neue Handelstheorie" ermöglicht einen deutlich differenzierteren, tiefergreifenden Einblick in die komplexen Wirkungen, die der internationale Handel auf Volkswirtschaften hat.

Erstaunlich dabei: In vielen anderen Sub-Disziplinen der VWL führt der Einsatz moderner, empirischer und quantitativer Methoden dazu, dass lang als sicher geglaubte Erkenntnisse ins Wanken geraten. In der Handelsforschung dagegen bestätigt sich weitgehend das 1817 von David Ricardo aufgestellte Theorem, Freihandel lohne sich für alle beteiligten Länder.

Ein Beispiel dafür ist eine Studie aus der Dezember-Ausgabe des "American Economic Review", einer der angesehensten VWL-Zeitschriften der Welt. Die Forscher Mary Amiti von der Federal Reserve Bank of New York und Jozef Konings von der KatholischenUniversität Leuven in Belgien gehen darin einer alten Frage nach: Welche Folgen für das Produktivitätswachstum hat es, wenn ein Land seine Import-Zölle senkt?

Amiti und Konings analysieren das Thema in einer detaillierten Fallstudie am Beispiel Indonesiens. Das südost-asiatische Land ist 1995 der Welthandelsorganisation WTO beigetreten-und senkte in den folgenden zehn Jahren sämtliche Import-Zölle um 40 Prozent oder mehr. "In Branchen, für die 1995 die höchsten Zölle galten, gab es die stärksten Senkungen", stellten die Wissenschaftler fest. Dank einzigartig detaillierter Statistiken über indonesische Industrie-Unternehmen mit mehr als 20 Beschäftigen aus mehr als 300 Branchen konnten die Wissenschaftler auf der ebene einzelner Firmen nachverfolgen, wie sich Beschäftigung, Umsatz und Produktivität veränderte - und hatten Informationen darüber, wie groß der Anteil der Importe an den verwendeten Vorleistungsprodukten war. Um den Effekt der Zölle isolieren zu können, nutzen die Forscher aus, dass die Handelshemmnisse in verschiedenenBranchen unterschiedlich stark abgebaut wurden.

Die Ergebnisse zeigen: Geringere Handelsschranken in einer Branche führten dazu, dass die betroffenen Unternehmen produktiver wurden. Letztlich bedeutet das, dass Handelshürden genau das Gegenteil von dem bewirken, was sie sollen. An sich sollen Zölle die Firmen des Heimatlandes vor ausländischer Konkurrenz schützen - tatsächlich aber werden diese Unternehmen stärker, wenn dieser vermeintliche Schutz aufgehoben wird.

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