Studien des Ökonomen Philippe Aghion
Gute Unis kurbeln das Wachstum an - aber nicht überall

Investitionen in das Hochschulsystem sind zwar ein wichtiger Wachstumsmotor – aber nur unter bestimmten Umständen und längst nicht in allen Ländern gleichermaßen. Das ist das Ergebnis von Studien des Harvard-Ökonomen Philippe Aghion. Der Forscher fand zudem heraus: Um gut zu sein, brauchen Unis nicht nur Geld, sondern vor allem auch Autonomie.
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Es gibt Fragen, die sehen auf den ersten Blick trivial aus, erweisen sich bei genauerem Hinsehen aber als wirklich harte Nuss. Wie wichtig sind gute Universitäten für das Wirtschaftswachstum eines Landes? Das ist so ein Fall. Sonntagsredner gehen ganz selbstverständlich davon aus, dass die Bedeutung enorm ist. Dass Europa nur rund halb so viel Geld für seine Hochschulen ausgibt wie die USA, wird daher stets als Alarmsignal gesehen.

Intuitiv mag das alles einleuchten – Ökonomen jedoch tun sich schwer damit, einen kausalen und engen Zusammenhang zwischen dem Bildungsniveau eines Landes und seinem Lebensstandard empirisch stringent zu belegen. Philippe Aghion aus Harvard, einer der angesehensten Makro-Ökonomen der Welt, ist genau dieses Kunststück gelungen. Auf der Jahrestagung des Vereins für Socialpolitik in München präsentierte er Studien mit der Quintessenz: Investitionen in das Hochschulsystem sind zwar ein wichtiger Wachstumsmotor – aber nur unter bestimmten Umständen und längst nicht in allen Ländern gleichermaßen. Schlüssel zum Verständnis von Aghions Argumentation ist das Konzept der „technological frontier“. Diese „Technologiegrenze“ markiert den globalen Standard und wird bestimmt durch die besten und modernsten Fertigungsprozesse.

Es gibt für Volkswirtschaften dadurch zwei verschiedene Wege zu höherem Wohlstand. Zum einen kann sich ein Land durch Imitation existierender Produkte und Produktionsprozesse näher an die bestehende Technologiegrenze heranrobben. Zum anderen kann es versuchen, durch Forschung und Entwicklung die technologische Frontlinie zu verschieben.

Letzteres lohnt sich allerdings nur für Länder, die nah an der Technologiegrenze sind – und dort leisten Investitionen in hochkarätige Grundlagenforschung nennenswerte Beiträge zum Wirtschaftswachstum. In Ländern, die weit von der „technological frontier“ entfernt sind und die vor allem durch Imitation wachsen, ist gute Allgemein- und Schulbildung viel wichtiger als anspruchsvolle Hochschulforschung. Je stärker ein Land zu den technologisch führenden der Welt gehört, desto wichtiger sind seine Unis als Wachstumsmotor.

Dass dies alles nicht nur plausibel klingt, sondern Realität ist, hat Aghion in verschiedenen Studien untersucht. So gelingt mit Blick auf die westlichen Industrieländer der empirische Nachweis, dass Länder, die näher an der „technological frontier“ sind und viel in ihre Unis investieren, ein dauerhaft höheres Wirtschaftswachstum haben. Mit einigem methodischen Aufwand und kreativen Untersuchungsdesign konnte Aghion sogar belegen, dass es sich nicht nur um eine bloße Korrelation, sondern wirklich um eine kausale Verbindung handelt.

In einem zweiten Schritt weist der Harvard-Wissenschaftler nach: Die Qualität von Hochschulen hängt längst nicht nur davon ab, wie viel Geld sie zur Verfügung haben. Auch die Frage, wie die Universitäten intern organisiert sind, haben enormen Einfluss auf ihre wissenschaftliche Performance. Internationale Vergleichsstudien von Aghion zeigen deutlich: Je mehr Autonomie Universitäten bei der Auswahl ihres Forschungspersonals, ihrer Studenten und der Verteilung ihres Budgets haben, desto besser sind sie.

„Wenn Europa seine Hochschulen reformieren will, gibt es durchaus Alternativen zum amerikanischen Modell mit seinen Privat-Unis und seinen hohen Studiengebühren“, betont Aghion. „Die Qualität staatlicher Universitäten ließe sich signifikant erhöhen, wenn man ihnen mehr Autonomie gäbe.“

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