Subjektiver Preisanstieg
Inflation im Bauch

Ob bei Brot, Milch oder Benzin – nach der Einführung des Euro schimpften viele Menschen über Preisanstiege. Die subjektiv empfundene Inflation war deutlich höher als die amtlich gemessene. Forscher nennen dieses Phänomen gefühlte Inflation. Wovon die gefühlte Teuerung abhängt und was die Erkenntnisse für die aktuelle Situation in Deutschland bedeuten.
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DÜSSELDORF. Um die Inflationsrate zu berechnen, sammeln die Experten beim Statistischen Bundesamt rund 350 000 Preise. Die tippen sie in ihren Computer, und der berechnet dann das exakte Ergebnis. Die wenigsten Menschen merken sich den genauen Wert – doch die allermeisten haben ein Bauchgefühl, wie sich die Preise entwickelt haben. Dafür genügen meist nur ein paar wenige Informationen: Sie denken vielleicht an den Gang zum Bäcker, den Milchpreis im Supermarkt und die Tafel neben der Zapfsäule.

Gefühlte Inflation nennen das die Volkswirte – ein Thema, das sie seit Jahren sehr fasziniert. Mehr als 50 Studien gibt es inzwischen darüber. Einen Überblick über die wichtigsten liefert der Artikel einer Gruppe von Forschern um den britischen Professor Rob Ranyard, der kürzlich im „Journal of Economic Psychology“ erschienen ist.

Im Fokus vieler Studien steht die Zeit nach der Einführung des Euros im Jahr 2002. Damals war die gefühlte Inflation deutlich höher als die amtlich gemessene: Die Menschen schimpften über den Teuro-Euro und hielten sich beim Kaufen zurück – nach Expertenmeinung ein Grund für die schwache Binnennachfrage zu dieser Zeit. Die Haupterkenntnis der Studien: Die empfundene Teuerung hängt vor allem von den Preisen der Dinge ab, die wir regelmäßig kaufen – also etwa Brot, Butter und Benzin. Und genau dafür hatten die Händler in der Zeit der Euro-Einführung deutlich mehr verlangt als zuvor. Die Preise für Produkte, die eher selten gekauft wurden, wie zum Beispiel Möbel, waren dagegen fast konstant geblieben.

Der hohe gefühlte Wertverlust der neuen Währung machte die Menschen damals vorsichtig. Sie kauften zwar weiterhin die Dinge für den täglichen Bedarf, zögerten aber bei langlebigen Produkten, weil sie ihr finanzielles Sicherheitspolster nicht angreifen wollten. Um solch ein Angstsparen zu vermeiden, sollten die Zentralbanken die Menschen besser informieren, wenn sich die Preise für regelmäßig gekaufte Güter anders entwickeln als die offizielle Inflation, schreibt Tomasz Lyziak von der polnischen Nationalbank. Er hat die gefühlte Teuerung in Polen untersucht.

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