Wissenswert
Über fangfrische Sardinen, Handys und effiziente Märkte

Wohlstandsmotor Mobiltelefon - als südindische Sardinenfischer anfingen, Handys zu nutzen, ereignete sich auf den örtlichen Fischmärkten ein kleines Wunder: Die Gewinne der Fischer stiegen, gleichzeitig sanken die Preise, zeigt eine faszinierende Fallstudie, die jüngst im "Quarterly Journal of Economics" erschienen ist.
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Der Preismechanismus, das lernt der Ökonomie-Student im ersten Semester, ist so etwas wie das Getriebe der Marktwirtschaft. „Beim Studium der Volkswirtschaftslehre“, schreibt zum Beispiel Greg Mankiw in der Einführung seiner „Grundzüge der Volkswirtschaftslehre“, „werden Sie begreifen, dass Preise die Instrumente sind, mit denen die unsichtbare Hand die wirtschaftliche Aktivität dirigiert. Die Preise spiegeln beides: den gesellschaftlichen Wert eines Guts und die sozialen Kosten der Produktion.“

Probleme entstehen, wenn Sand im Getriebe steckt und der Preismechanismus gestört ist. Traditionell denken Ökonomen dabei vor allem an staatliche Eingriffe in das Marktgeschehen.

Allerdings: Auch aus anderen Gründen kann das Spiel von Angebot und Nachfrage scheitern – zum Beispiel, wenn es den Akteuren an Informationen mangelt. Wie zentral der Schmierstoff Wissen für das gute Funktionieren von Märkten ist, zeigt der US-Ökonom Robert Jensen, der derzeit an der Brown University tätig ist, in einer faszinierenden Fallstudie am Beispiel von indischen Sardinen-Fischern und ihrer Nutzung von Mobiltelefonen.

Die Arbeit, die jüngst im renommierten „Quarterly Journal of Economics“ erschienen ist, untersucht für die Jahre 1996 bis 2001 den lokalen Markt für fangfrische Sardinen im indischen Bundesstaat Kerala, der im Südwesten des Subkontinents liegt. Fisch ist dort ein zentrales Grundnahrungsmittel – 70 Prozent der Menschen in Kerala essen mindestens einmal pro Tag Meeresgetier. Jensen zeichnet akribisch nach, wie Handys den Fischmarkt in der Region revolutioniert haben.

Der Sardinen-Handel in Kerala ist ein hartes Geschäft: Die Fischer bringen ihren Fang täglich auf Dutzenden kleinen, regionalen Märkten direkt am Strand an den Mann. Weil es keine Kühlhäuser gibt, können sie ihre Ware nicht lagern und wegen schlechter Straßen nicht weiter entfernte Märkte erreichen. Auch per Boot ist es kaum möglich, an einem Tag zwei Märkte anzusteuern. Was ein Fischer nicht direkt nach dem Einlaufen verkauft, muss er vernichten.

Früher, in den Zeiten ohne Mobiltelefon, wussten die Fischer auf See Angebot und Nachfrage auf den verschiedenen Fischmärkten nicht einzuschätzen. Sie mussten auf gut Glück einen Strand ansteuern und auf viele Kunden und wenig Konkurrenten hoffen. Die Folge: Die meisten Fischer steuerten stets denselben Hafen an – und waren dort dem Zufall ausgeliefert.

Jensen stellte fest: Dadurch schwankten die Preise zwischen den einzelnen Stränden massiv und erratisch. Während ein Kilo Sardinen auf einem Markt vier Rupien kostete, musste man mitunter nur 15 Kilometer entfernt doppelt so viel bezahlen. Im Extremfall kam es vor, dass auf einem Markt fast ein Dutzend Fischer seinen kompletten Fang mangels Kunden vernichten musste, während woanders der Fisch vorzeitig ausverkauft war. Im Schnitt wanderten täglich zwischen fünf und acht Prozent der gefangenen Fische in den Müll. „Es gab auf den Fischmärkten erhebliche Ineffizienzen“, so der Wissenschaftler.

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