US-Geldpolitik
Die kleinen Geheimnisse der Fed

Ist Alan Greenspan und seine laxe Geldpolitik zwischen 2002 und 2005 für die derzeitige Finanzkrise verantwortlich? Über diese Frage wird unter Ökonomen derzeit herzhaft gestritten. Jetzt springen zwei europäische Ökonomen Greenspan bei - und zeigen die geheimen Mechanismen auf, an denen die Fed ihre Zinspolitik ausrichtet.
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Die Kritik hat es in sich - vor allem, weil sie aus prominentem Munde stammt: Die Geldpolitik der US-Notenbank Federal Reserve sei in den vergangenen Jahren zu lax gewesen. Dies habe die Blase auf dem US-Immobilienmarkt und die Subprime-Krise erst möglich gemacht. Niemand Geringeres als John Taylor hat diese These aufgestellt (Handelsblatt vom 28.1.2008).

Der Geldpolitik-Professor aus Stanford, eine internationale Koryphäe, hat Anfang der neunziger Jahre die berühmte "Taylor-Regel" für Notenbanken erfunden. In ihrer klassischen Form folgt aus ihr: Für jeden Prozentpunkt, den die Teuerungsrate über das Inflationsziel der Notenbank klettert, steigen die Leitzinsen um 150 Basispunkte und umgekehrt. Für jeden Prozentpunkt, den die tatsächliche Wirtschaftsleistung unter dem Produktionspotenzial liegt, sinken sie um 50 Basispunkte und umgekehrt.

Taylor hat mit dieser einfachen Faustregel die Leitzins-Entscheidungen der Fed in den vergangenen 25 Jahren analysiert und gezeigt: Die tatsächliche Zinspolitik lässt sich damit gut erklären.

Ein krasser Ausreißer allerdings sind die Jahre 2002 bis 2005 - in dieser Zeit, in der die US-Leitzinsen auf historisch niedriges Niveau fielen, hätten sie laut "Taylor-Regel" ein ganzes Stück höher sein sollen. Dann, so das Ergebnis einer Modellrechnung von Taylor, hätte sich der US-Immobilien- und Hypothekenmarkt nicht derart überhitzt.

Hat also die Fed nach der Jahrtausendwende mehrere Jahre bewusst gegen ihre eigenen Prinzipien verstoßen, fahrlässig eine zu lasche Geldpolitik gefahren und das Fundament für die heutige Krise gelegt?

"Nein", wenden zwei europäische Geldpolitik-Experten und ehemalige Fed-Berater in einer jüngst veröffentlichten Studie ein. Bei Licht betrachtet, lasse sich der Vorwurf, die Fed sei ab 2002 von der "Taylor-Regel" abgewichen, nicht halten, so das Fazit von Anastasios Orphanides, seit 2007 Gouverneur der Nationalbank Zyperns, und Volker Wieland, Professor an der Frankfurter Goethe-Universität.

Ihre Kernthese ist: Taylors Perspektive zur Bewertung der Geldpolitik ist nicht in allen Situationen gleichermaßen angemessen. Der Stanford-Ökonom nämlich beurteilt die Zinsentscheidungen rückblickend. Er misst sie an der tatsächlichen Entwicklung von Inflation und Wirtschaftswachstum. Beide Größen stehen aber erst im Nachhinein fest und lassen sich nicht in Echtzeit, sondern mit Zeitverzug verlässlich feststellen.

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