Verzerrung
Bankenrettung mit Risiken und Nebenwirkungen

Dank der Milliardenhilfen nach der Lehman-Pleite konnte zwar die Kernschmelze des Finanzsystems verhindert werden. Doch die Subventionen sind mit erheblichen Nebenwirkungen verbunden und verzerren massiv den Wettbewerb.
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DÜSSELDORF. Noch nie in der Geschichte der Menschheit hat eine einzelne Branche in so kurzer Zeit so viel staatliche Hilfen bekommen wie die Banken seit Herbst 2008. Gut zwei Billionen Euro haben die elf führenden Industriestaaten nach der Pleite der Investmentbank Lehman Brothers direkt in den Finanzsektor gepumpt, hinzu kommen Kreditgarantien und Bürgschaften über knapp drei Billionen Euro. Insgesamt summieren sich die Staatshilfen auf fast 19 Prozent der Wirtschaftsleistung dieser Länder.

Wie wirkt dieser Geldregen? Dieser Frage ist jetzt ein Forscherteam der Baseler Bank für Internationalen Zahlungsausgleich (BIZ) in einer Studie nachgegangen. Das Urteil der Forscher fällt durchwachsen aus: Einerseits sei es den Regierungen kurzfristig gelungen, die vollständige Kernschmelze des Finanzsystems abzuwenden. Andererseits seien die Rettungsaktionen mit starken Wettbewerbsverzerrungen verbunden. Und über den Berg sei das Finanzsystem noch nicht - schließlich lahme die Kreditvergabe weiterhin.

Die Wahrscheinlichkeit weiterer Bankzusammenbrüche, die nach der Lehman-Pleite drastisch zugenommen hatte, ist durch die staatlichen Rettungseinsätze deutlich gesunken. Das leiten die Forscher aus ihrer Analyse der Preise für Credit Default Swaps (CDS) ab. Mit diesen börsengehandelten Kreditversicherungen sichern sich die Besitzer von Bankanleihen gegen Zahlungsausfälle ab. Je höher das Ausfallrisiko, desto teurer ist so eine Kreditversicherung.

Nach dem Lehman-Kollaps waren die Preise für Bank-CDS explodiert. Erst als die wichtigsten Industrienationen im Oktober 2008 die milliardenschweren Rettungspakete beschlossen, beruhigte sich die Lage wieder. Je größer die staatlichen Hilfsprogramme in einem Land waren, desto stärker gingen die CDS-Preise zurück, stellen die BIZ-Ökonomen fest.

Für Menschen, die Banken Geld geliehen hatten, waren die staatlichen Rettungseinsätze also positiv. Schließlich reduzierten sie das Risiko von Zahlungsausfällen erheblich. Die Aktionäre der Banken dagegen profitierten weniger. Die Talfahrt der Bankaktien ging fast unbeeindruckt weiter. Nur ganz kurzfristig erholten sich die Aktienkurse der Geldhäuser leicht. Schon nach wenigen Tagen kollabierten sie erneut. Knapp vier Wochen später lagen die Aktienkurse der Banken im Schnitt 15 bis 20 Prozent niedriger als unmittelbar vor Bekanntgabe der Hilfspakete.

Die Forscher erklären das damit, dass die staatlichen Kapitalspritzen die Anteile der Altaktionäre verwässerten. Zudem vermuten die Wissenschaftler, dass der wachsende Staatseinfluss auf die Banken bei den Investoren Zweifel über die mittel- bis langfristige Profitabilität der Institute genährt habe. Die staatlichen Rettungseinsätze gingen mit einer "Umverteilung von den Bankaktionären zu den Gläubigern" einher, heißt es in der Studie. Erst als sich im Frühjahr 2009 Meldungen häuften, dass die Banken wieder Gewinne machten, änderte sich an den Aktienmärkten das Bild.

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