Vetternwirtschaft
Zu gute Stimmung ist schlecht fürs Geschäft

Viele Mitarbeiter verdienen mehr, wenn sie sich mit ihrem Chef gut verstehen. Doch die Freundschaften der Vorgesetzten können für den Firmengewinn schädlich sein. Forscher haben nun die Auswirkungen sozialer Bindungen in Firmen untersucht und ein Rezept gegen die Vetternwirtschaft gefunden.
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DÜSSELDORF. Kritiker werfen dem Bundestrainer oft vor, er bevorzuge Spieler aus Stuttgart. Die Länderspiele vor der Sommerpause erhärteten den Verdacht: Jeder zweite Spieler, den Joachim Löw zur Asienreise im Mai mitnahm, spielt beim VfB Stuttgart oder wurde dort ausgebildet. Wen wundert es - wohnt Löw doch in der Nähe von Stuttgart und besucht gerne die Bundesligaspiele der Schwaben.

Würde die Nationalmannschaft vielleicht besser spielen, wenn Löw nicht so viele Spieler aufstellen würde, die er aus der eigenen Heimat kennt? Oder liefern diese in der Nationalelf womöglich gerade deshalb gute Leistungen ab, weil sie das Vertrauen des Trainers spüren?

Eine neue Studie dreier Wirtschaftsforscher aus London und Philadelphia könnte darüber Aufschluss geben: Oriana Bandiera, Iwan Barankay und Imran Rasul haben untersucht, ob Mitarbeiter bessere Leistungen zeigen, wenn sie mit ihrem Chef eng vertraut sind. Dafür werteten sie die Personaldaten einer großen Beerenplantage in England aus, auf der jeden Sommer Gastarbeiter aus verschiedenen osteuropäischen Ländern arbeiten. Der Vorteil der Daten: Während es bei anderen Berufen meist schwierig ist, die Leistung der Mitarbeiter objektiv zu messen, war es bei der Obsternte ganz einfach. Die Plantagenbesitzer führten genau Buch darüber, wie viele Beeren ein Pflücker pro Stunde ablieferte. Die Frage, die sich die Forscher stellten: Pflücken die Erntehelfer an den Tagen mehr Früchte, an denen Freunde von ihnen als Aufseher über die Arbeit wachen? Das Ergebnis war eindeutig: "Die Produktivität eines Arbeiters ist an solchen Tagen um neun Prozent größer", schreiben die Forscher.

Der Grund dafür war weniger der gestiegene Eifer der Arbeiter, sondern die Möglichkeit der Aufseher, einzelne Arbeiter gezielt zu bevorzugen - zum Beispiel, indem sie sie zu Sträuchern mit besonders vielen Früchten schickten oder ihnen schneller neue Kisten brachten, wenn die alten voll waren. Dabei wurden befreundete Arbeiter konsequent bevorzugt.

Welcher Pflücker mit welchem Aufseher befreundet war, war den Forschern eigentlich gar nicht bekannt - also schätzten sie. Aus Umfragen unter den Gastarbeitern wussten sie: Die Wahrscheinlichkeit, dass sich zwei von ihnen gut verstehen, ist mehr als zehnmal höher, wenn beide aus demselben Land kommen - denn dann gibt es keine Sprachbarrieren. Ähnlich freundschaftsfördernd war es, wenn die beiden auf dem Bauernhof im selben Wohnwagen übernachteten oder am Anfang der Pflücksaison am selben Einführungskurs teilgenommen hatten.

Für ihre Berechnungen nahmen die Forscher an, dass genau die Pflücker und Aufseher gut miteinander auskamen, bei denen mindestens eine der drei Bedingungen zutraf.

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