Volkswirtschaftslehre
Das Große Vergessen

Ausgerechnet mitten in der Krise der etablierten Ökonomie müssen Ideengeschichtler um das Überleben ihres Fachs kämpfen.
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FrankfurtKaum ein Ökonom hat so viel zur wirtschaftlichen Entwicklung in Deutschland beigetragen wie er. Der Mann kämpfte erfolgreich gegen Kleinstaaterei und Rückständigkeit. Wissenschaftlich war er ein wichtiger Gegenspieler von Adam Smith. Aus Schulbüchern kennt man ihn, aber in modernen Lehrbüchern der Volkswirtschaftslehre taucht Friedrich List bestenfalls in Fußnoten auf.

Damit befindet er sich in guter Gesellschaft. Theoriegeschichte führt in der Volkswirtschaftslehre nur noch ein Schattendasein. Viele führende Universitäten haben ihre Angebote lautlos auslaufen lassen. Zu den wenigen verbliebenen Leuchttürmen gehörte bis vor kurzem die große dogmenhistorische Abteilung der Universität Amsterdam. Sie wird jetzt abgewickelt.

So könnte es auch anderen verbliebenen Bastionen ergehen: Die ökonomischen Ideengeschichtler und Wirtschaftshistoriker kämpfen ums Überleben. Akuter Anlass sind die neuen Richtlinien des European Research Council (ERC), der wichtigsten Quelle von Forschungsförderung in Europa, der in diesem Jahr über eine Milliarde Euro zu verteilen hat. In der neuen Zuständigkeitsbeschreibung für die Bewilligungsausschüsse, an die Forscher ihre Anträge richten sollen, taucht allgemeine Wirtschaftshistorie ebenso wenig auf wie ökonomische Ideengeschichte. In den Augen der Betroffenen ist das eine Katastrophe. Sie befürchten nicht nur, künftig von europäischen Fördergeldern abgeschnitten zu werden, sondern auch, dass die stets nach Harmonisierung strebenden nationalen Förderinstanzen sich an der Klassifikation des ERC ausrichten.

Es hagelte Protestschreiben aus allen Richtungen, vom Verein für Socialpolitik (VfS), der wichtigsten Ökonomenvereinigung im deutschsprachigen Raum, von Ökonomenvereinigungen in Italien und Frankreich ebenso wie von der European Society for the History of Economic Thought (ESHET).

Dadurch, dass es in den Förderlisten des ERC nicht mehr auftaucht, könnte ein ganzes Fachgebiet der Wirtschaftswissenschaften eliminiert werden, zumal eines, in dem sich Europa bisher gegenüber den USA gut behaupten kann, befürchtet Hans-Michael Trautwein, Vorsitzender des dogmenhistorischen Ausschusses des VfS.

Die Präsidentin des ERC, Helga Nowotny, wiegelte die protestierenden Verbände mit dem Hinweis ab, es handele sich lediglich um Hinweise an die Bewerber, an welchen Bewilligungsausschuss sie ihre Bewerbung richten sollen. Wer quantitative Wirtschaftsgeschichte oder Institutionengeschichte betreibt, finde im Fachgebiet Ökonomie einen passenden Bewilligungsausschuss. Die anderen müssten sich eben an einen Ausschuss zur Menschheitsgeschichte wenden, der Archäologe und Geschichte zusammenfasst. "Wir haben die Wahl, uns von Theoretikern ohne historische Kompetenz oder von Historikern ohne theoretische, ökonomische Kompetenz begutachten zu lassen", beklagt Trautwein.

Auf Anfrage des Handelsblatts macht die ERC-Präsidentin den Wirtschaftshistorikern und Ideengeschichtlern allerdings wieder etwas Hoffnung. "Ich habe großes Verständnis für die Argumente der 'scientific community'", schreibt sie und fügt hinzu: "Mich haben die Argumente überzeugt und ich werde mein Möglichstes tun."

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  • Die neoklassische VWL ist mehr Ideologie denn ernsthafte Wissenschaft. Als Deckmantel der Ideologie dient die mathematische Formalisierung. Alle Schlußfolgerungen der Neoklassik sind bereits in den Modellannahmen angelegt. Diese Annahmen sind oft schlicht absurd. Die Schlußfolgerungen sind offen unmoralisch und haben verheerende Wirkung auf das menschliche Zusammenleben und sind obendrein wirtschaftlich nicht erfolgreich, sondern führen in Massenarbeitslosigkeit, Verslummung und Wirtschaftskrise. Siehe nur die Geschichte der Industrialisierung. Nicht ohne Grund stehen viele politische Entscheidungen und Rechte dem "ökonomischen" spricht neoklassischen Modell diametral entgegen. (Staaten mit Zollschranken haben sich besser entwickelt, Sozialstaaten sind erfolgreicher. Die meisten Staaten haben Mindestlöhne, Gewerkschaften sind grundrechtlich garantiert.)
    Gegenüber der Wirklichkeit haben sich die Neoklassiker fast vollständig immunisiert. Wer an das neoklassische Modell glaubt, es also irrigerweise für eine Repräsentation der Wirklichkeit hält -- glaubt, daß alle Ergebnisse, die nicht mit den Vorhersagen des neoklassischen Modells übereinstimmen, marktextern verursacht sind. Es wird dann z.B. einfach behauptet, wenn die Politik nur den Empfehlungen der Ökonomen (Steuern runter, Löhne runter, Laissez-faire) folgen würden, gäbe es gar keine Arbeitslosigkeit.
    Bei den theoretischen Lobpreisungen der reinen Marktwirtschaft wird allerdings ganz schön gemogelt, denn selbst theoretisch garantiert das neoklassische Wundermodell keine Wohlfahrt, sondern nur ein sog. pareto-optimales Ergebnis. Pareto-optimal kann freilich jede Verteilung des Wohlstandes sein, auch die Situation, daß einer alles hat und die anderen gar nichts.
    Wer jedenfalls an die Neoklassik glaubt, der ist davon überzeugt, die ganze Wahrheit zu kennen. Andere Ideenwelten sind für ihn veraltet oder schlicht falsch. Ergo muß man sich mit ihnen auch nicht auseinandersetzen.
    Arme Wirtschaftswissenschaft!

  • Kein Wunder. Wirtschaftswissenschaftliche Generalisten mit einem globalen Geschichtsverständnis sind kaum vorhanden und werden nicht ausgebildet. Reines Spezialistentum mit Tunnelblick, begrenzten Denken ohne breite Allgemeinbildung wird gefördert. Nur wer über den Tellerrand des eigenen Fachgebietes hinausblickt, sieht Zusammenhänge. Und diese widersprechen oft der Political Correctness, dem Gutmenschentum und den bewußt verbreiteten Meinungen und Theorien, um uns u.U. mit Informationsüber-flutung vom selbständigen Denken abzulenken. Unabhängiges Denken und gesunder Menschenverstand, außerhalb des normalen Wissenschaftsbetriebes und der üblichen Theorienvermittlung, ist nicht immer gewünscht.
    Nur wer die geschichtlichen Zusammenhänge kennt, die nicht immer in den normalen Schulbüchern und im normalen Wissenschaftbetrieb gelehrt werden, weiß woher wir kommen, kann die jetzige Situation einordnen und hat eine sichere Gewissheit, wohin die "Reise" geht.
    Bin gespannt, wer meinen Kommentar liest und darauf antwortet. Ein Diplom - Wirtschaftswissenschaftler von der Ruhr - Universität und Steuerberater aus Dresden.

  • Friedrich List und auch Adam Smith sind m.E. sicher bedeutsame Personen im Rahmen einer historischen Betrachtung.

    Für theoretische und praktische Erörtungen der derzeitigen ökonomischen Situation und für die Entwicklung von wirtschaftspolitischen Empfehlungen sind sie jedoch absolut verzichtbar.

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