VWL-Studie
Wie egoistisch sind Autofahrer?

Wie sozial ist der Mensch, wie egoistisch ist er? Australische Volkswirte haben das Verhalten von Autofahrern beobachtet - aus ihrer Höflichkeit ziehen sie faszinierende Rückschlüsse darauf, wie wir ticken.
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LondonRedzo Mujcic ist wahrscheinlich der erste Volkswirt der Welt, der sich seinen Doktortitel unter anderem damit verdient, dass er an Straßenkreuzungen herumlungert. Der Promotionsstudent der University of Queensland hat tagelang Autofahrer beobachtet.

Aus unserem Verhalten im Straßenverkehr, so seine These, lassen sich wichtige Rückschlüsse darauf ziehen, wie egoistisch Menschen sind - eine Grundsatzfrage der Volkswirtschaftslehre. Bislang haben Ökonomen vor allem in Laborexperimenten nach Antworten darauf gesucht, aber noch nie auf der Straße.

Die Studie mit dem Titel "Alturism in Society: Evidence from a Natural Experiment involving Commuters", die Mujcic gemeinsam mit dem Queensland-Professor Paul Frijters veröffentlicht hat, ist eines der kreativsten und gleichzeitig unterhaltsamsten mikroökonomischen Forschungspapiere der vergangenen Jahre. Die Forscher haben das Verhalten von Autofahrern auf verstopften Hauptstraßen im Berufsverkehr untersucht. Wann bremsen sie ab und machen freiwillig Platz für einen Wagen, der eigentlich keine Vorfahrt hat?

Aus ökonomischer Sicht ist das ein altruistisches Verhalten: Wer ohne Zwang vom Gas geht, um ein anderes Auto vorzulassen, nimmt einen kleinen Nachteil in Kauf - für jemanden, den er nicht kennt und nie wieder treffen wird.

An drei Kreuzungen in Brisbane hat Mujcic fast 1 000 solcher Situationen beobachtet. Um das Verhalten der Autofahrer nicht zu beeinflussen, gab er sich größte Mühe, nicht wie ein professioneller Verkehrsbeobachter auszusehen, sondern wie ein Passant, der auf jemanden wartet.

In 40 Prozent aller Begegnungen, so stellte der Ökonom fest, verhielten sich die Autofahrer altruistisch - ein vergleichsweise hoher Grad von sozialem Verhalten.

Richtig interessant wird es, wenn man Faktoren wie den sozialen Status der beteiligten Fahrer und ihr Geschlecht berücksichtigt. So zeigt sich: Ältere Autofahrer agieren zuvorkommender als jüngere. Männer verhalten sich wesentlich höflicher, wenn eine Frau im wartenden Auto sitzt.

Bei Frauen, die Vorfahrt haben, ist es genau umgekehrt. Sie lassen Männer wesentlich häufiger vor als Frauen. Begegnen sich zwei Autofahrerinnen, ist die Wahrscheinlichkeit von altruistischem Verhalten überdurchschnittlich gering.

"Das bestätigt Laborergebnisse, dass Frauen weit weniger an andere Frauen abgeben als an Männer", heißt es in der Arbeit. Frauen würden das eigene Geschlecht offenbar tendenziell schlechter behandeln als Männer dies tun.

Auch der soziale Status der Autofahrer spielt eine große Rolle: Wir behandeln Menschen, die aus der gleichen sozialen Schicht kommen, besser. Wer in einem alten, klapprigen Kleinwagen unterwegs ist, lässt große, teure Neuwagen viel seltener vor - und umgekehrt. Für Wissenschaftler ist das ein Indiz dafür, welche zentrale Rolle Neid und Missgunst im Alltagsleben spielen.

Interessant ist zudem, wie sehr unsere Mitmenschen unser Verhalten beeinflussen. Wenn noch andere Passagiere im Auto sitzen, verhält sich ein Fahrer tendenziell zuvorkommender - ein Hinweis darauf, dass die Menschen nicht immun gegen sozialen Druck sind.

Zudem zeigen die Verkehrsbeobachtungen: Wenn schon der Vordermann ein wartendes Auto vorgelassen hat, ist die Wahrscheinlichkeit, dass ein Fahrer freiwillig vom Gas geht, wesentlich höher.

Besonders stark ausgeprägt ist dieser Effekt bei Fahrern von Geländewagen - aber nur dann, wenn vor ihnen ein Geländewagen ein gutes Vorbild abgegeben hat.

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