Wettbewerbspolitik
Konkurrenz belebt das Geschäft - aber leider nicht immer

Die Zukunft der deutschen Autoindustrie sah Mitte der Achtziger düster aus: Massiv drängten aus Japan neue Anbieter auf den deutschen Markt, dank guter und günstiger Autos gewannen sie immer mehr Käufer. Allein 1986 schnellte der Marktanteil der Japaner von 13 auf 16 Prozent hoch. Auf Dauer, so fürchteten viele, war die heimische Autoindustrie dem Untergang geweiht.

Tatsächlich aber standen Mercedes, BMW, Audi und Co. Mitte ein Jahrzehnt später besser da denn je – dank einer Innovationsoffensive und ihrer dadurch technisch überlegenen Fahrzeuge. Ökonomisch betrachtet führten die Markteintritte dazu, dass die etablierten Anbieter ihre Innovationsanstrengungen erhöhten. Ein besseres Ergebnis dank intensiverem Wettbewerb – ein Beispiel wie im Lehrbuch.

Allerdings: Dieser Mechanismus ist kein Naturgesetz – darauf weist ein Forscherteam um den renommierten Harvard-Ökonomen Philippe Aghion in einer neuen Studie hin. Längst nicht in allen Branchen führen zusätzliche Marktzutritte dazu, dass etablierte Firmen innovativer werden. Mitunter ist das genaue Gegenteil der Fall, zeigen die Forscher am Beispiel Großbritanniens. Dort seien in manchen Branchen Innovationen und Produktivität durch wachsende Konkurrenz aus dem Ausland gesunken.

Das Forscherteam machte sich auf die Suche nach einem Erklärungsmuster für dieses Phänomen und stellte folgende Hypothese auf: Für die Reaktion der einheimischen Anbieter auf Markteintritte ist entscheidend, wie weit die auf dem Markt bereits etablierten Firmen technologisch von der Weltspitze entfernt sind. Aghion hat dafür den nur schwer ins Deutsche zu übersetzenden Begriff der „Technological Frontier“ geprägt – diese „Technologie-Grenze“ wird definiert durch die weltweit besten und modernsten Fertigungsprozesse.

Konkret vermutet das Forscherteam um den Harvard-Ökonomen: Etablierte Unternehmen, die nah an der „Technologie-Grenze“ sind, reagieren auf stärkere Konkurrenz von außen mit einer Erhöhung ihrer Innovationsanstrengungen. Denn diese Unternehmen haben die berechtigte Aussicht, dank technisch überlegener Produkte die neuen Wettbewerbern abhängen zu können. Ein Musterbeispiel für diesen Effekt ist das eingangs beschriebene Verhalten der deutschen Automobilindustrie.

Je rückständiger einheimische Unternehmen dagegen sind, desto weniger Erfolg versprechend erscheint es ihnen, die neuen Konkurrenten durch bessere Produkte und ausgefeiltere Technik ausstechen. zu können. „Etablierte Anbieter, die sich weiter hinter der Technologie-Grenze befinden, haben keine Hoffnung, das Rennen mit neu in ihren Markt eintretenden Unternehmen gewinnen zu können.“ Eine höhere Wettbewerbsintensität reduziere in diesem Fall also die Rentabilität von Investitionen in Forschung und Entwicklung.

Die Ökonomen belegen ihre Hypothese zunächst mit einem komplexen mathematischen Modell und unterfüttern den Zusammenhang dann mit einer aufwändigen empirischen Untersuchung. Detaillierte Daten über britische Unternehmen aus verschiedener Branchen zeigen: Wie Firmen auf neue Konkurrenz reagieren, hängt tatsächlich in der theoretisch hergeleiteten Weise von ihrer relativen Position im Technologiewettbewerb ab.

In Großbritannien war dieser Effekt erheblich. Die empirische Untersuchung zeigte: In technologisch überdurchschnittlich weit entwickelten führenden Sektoren – zum Beispiel der britischen Elektronik-Investitionsgüter-Instrustrie oder der Medienbranche – stieg das Produktivitätswachstum bei zunehmender Konkurrenz doppelt so stark wie in durchschnittlich technologisch entwickelten Branchen. In technologisch besonders rückständigen Sektoren – zum Beispiel der britischen Brauereiwirtschaft und der Automobil-Zulieferindustrie – verlangsamte sich das Wachstum der Produktivität im Zuge einer höheren Wettbewerbsintensität sogar.

Für die praktische Wirtschaftspolitik haben diese Ergebnisse weit reichende Folgen, betonen die Autoren – sowohl im Zusammenhang mit dem Abbau von Handelsschranken, der Frage der Privatisierung von Staatsunternehmen als auch der Deregulierung von Märkten. „Die Verringerung oder der Abbau von Markteintrittbarrieren alleine reicht möglicherweise nicht aus, um in allen Sektoren einer Wirtschaft das Wachstum der etablierten Firmen zu fördern – selbst wenn diese Politik im Durchschnitt das Wachstum stärkt.“

Daraus folgern die Autoren: Die Öffnung von Märkten sollte ergänzt werden durch eine Politik, die den Strukturwandel beschleunigt – weg von rückständigen Branchen hin zu technologisch führenden Industrien. Übersetzt für die deutsche Wirtschaftspolitik heißt das unter anderem: Weg mit den Kohle- und Agrarsubventionen.

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