Wirtschaftsgeschichte
Das traurige Geheimnis unseres Wohlstands

Aus dem Nichts wurde Europa im Mittelalter reich und überholte noch vor Beginn der Industriellen Revolution Asien wirtschaftlich. Dieser Aufstieg ist eine Grundlage für unseren heutigen Lebensstandard. Aber wie lässt sich dieses frühe Wirtschaftswunder erklären? Wirtschaftshistoriker und Ökonomen liefern jetzt eine bedrückende Erklärung.
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DÜSSELDORF. Hätte es im Jahr 1400 den Internationalen Währungsfonds schon gegeben, seine Analyse zur Wettbewerbsfähigkeit Europas wäre vernichtend ausgefallen: Korrupte, feudale Eliten beherrschten den Kontinent, politisch war er zersplittert. Fast niemand konnte lesen oder schreiben, die Lebenserwartung war gering, Kriege waren an der Tagesordnung. China wäre den Makro-Analysten des frühen 15. Jahrhunderts deutlich attraktiver erschienen: Das Riesenreich verfügte über eine leistungsfähige Bürokratie, war politisch geeint und Weltspitze in Sachen Forschung und Entwicklung.

300 Jahre später jedoch hatte Europa China wirtschaftlich überholt. Um 1700 - noch vor Beginn der industriellen Revolution - war das Pro-Kopf-Einkommen in England real mehr als doppelt so hoch wie in Indien oder China. Für Wirtschaftshistoriker ist das ein Mysterium: Warum hat sich Europa trotz der weit schlechteren Ausgangslage so viel besser entwickelt als China?

Die Wirtschaftswissenschaftler Nico Voigtländer von der University of California, Los Angeles, und Hans-Joachim Voth von der Universität Pompeu Fabra in Barcelona bieten jetzt in einer Studie eine Erklärung an, die im ersten Moment abwegig erscheint: Ohne die Pest und die vielen Kriege, so ihre These, hätte es den Aufstieg Europas zwischen 1400 und 1700 nicht gegeben.

So abstrus, wie sie zunächst erscheinen mag, ist die These nicht. Wer sie verstehen will, muss sich in die vorindustrielle Wirtschaft hineindenken. Damals galten ganz andere Gesetze als heute. Bis ins späte 18. Jahrhundert gab es so gut wie keinen technischen Fortschritt. Ohne den aber kann der wirtschaftliche Wohlstand eines Landes nicht dauerhaft steigen. Historiker schätzen das jährliche Produktivitätswachstum in der vorindustriellen Zeit auf 0,05 bis 0,15 Prozent pro Jahr.

Dadurch steckte die Menschheit in einer wirtschaftlichen Falle: Weil es keine wirksamen Mittel der Geburtenkontrolle gab, brachte jede Frau in ihrem Leben bis zu sieben Kinder auf die Welt. Wie viele davon überlebten, hing davon ab, ob es genug Nahrung gab. Wirtschaftliche Hochphasen, zum Beispiel ausgelöst durch gute Ernten, können in solch einer Welt nicht lange anhalten. Der steigende Wohlstand führt dazu, dass die Säuglingssterblichkeit sinkt. Dadurch nimmt mittelfristig die Bevölkerungszahl zu. Dies führt tendenziell zu Nahrungsmittelknappheit. Außerdem steigt die Zahl der Arbeitskräfte. Das führt zu niedrigeren Löhnen.

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  • Diese Geschichten immer,...

    die Frauen brachten sogar bis zu vierzehn Kinder auf die Welt, dies war sogar im vorletzten Jahrhundert, also ca. 1880 noch so.
    Die Spitzenwerte liegen bei ca. 21 Kindern.

    Und nicht zu vergessen: Gerade bei der Pest waren eben diese sogenannten Eliten betroffen.

    Wer in seinem Stammbaum nachschaut: Viele haben sogar irgendwelche Eliten in ihrem Vorahnenfeld.
    Das waren nicht durch die bank alle schlechte Menschen. So ein Quatsch.
    im gegenteil: ich fand mal eine kleine Fledermaus, die am boden lag und rief bei einem Tierheim an und die haben mir eine Telefonr gegeben da rief ich an und die haben mir wieder eine andere Telefonnr gegeben und schließlich landete ich bei einer Gräfin die Schirmherrin über Fledermäuse war.
    Das war so ein einschneidendes Erlebnis, dass ich es bis heute behalten habe.
    Leider hat es diese Mini Fledermaus trotzdem nicht überlebt. Sie ist kurz darauf gestorben. Wohl aus dem Nest gefallen oder so.
    Zurück zum Thema: Solche Studien dürfen nicht dazu führen, dass Krieg oder wegsterben von Menschen durch Seuchen gelöst werden kann. Denkmodelle in solche Richtungen ist zwar erlaubt, darf aber nicht in der Praxis angewendet werden.
    Der Unterschied zwischen einer Theorie und einer Anwendung sollte jedem klar sein.

  • Was für Verrenkungen die Leute so machen? Wenn sich dieser Artikel allein auf Deutschland beziehen würde, könnte man das noch halbwegs akzeptieren. Aber Europa?
    Soweit mir bekannt ist, hat Kolumbus den Weg in die Karibik gefunden und von da an wurde erst einmal geraubt und viel erfolgreicher, als es die Wikinger taten. Die wesentliche Zeitbeschreibung fällt in die Zeit der Linienschiffe. Da hatte man die Pest an bord.

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