Wirtschaftspolitik: Die moralische Dimension des Wirtschaftswachstums

Wirtschaftspolitik
Die moralische Dimension des Wirtschaftswachstums

Warum Wirtschaftswachstum? Für Entwicklungsländer lässt sich diese Frage einfach beantworten: Mit steigendem materiellen Wohlstand verbessern sich alle Dimensionen des menschlichen Daseins. So sinkt zum Beispiel die Säuglingssterblichkeit, während Gesundheitszustand und Lebenserwartung steigen.

Für entwickelte Industrieländer ist diese Frage dagegen schwieriger zu beantworten. Denn die unmittelbaren positiven Effekte des steigenden Reichtums sind irgendwann ausgereizt. In Südkorea oder Portugal zum Beispiel ist das Pro-Kopf-Einkommen zwar nicht einmal halb so groß wie in den USA – trotzdem sterben dort genauso wenig Kinder nach der Geburt, und die Menschen leben mindestens genauso lange.

Die klassische ökonomische Rechtfertigung dafür, warum hoch entwickelte Länder trotzdem Wachstum brauchen, ist technokratisch: Ohne steigende Produktion gäbe es wegen des Produktivitätsfortschritts immer mehr Probleme auf dem Arbeitsmarkt.

Benjamin Friedman, Ökonomie-Professor aus Harvard, stellt diese Argumentation nicht zufrieden. Wachstum, lautet seine These, hat für eine Gesellschaft positive Konsequenzen, die weit über die ökonomische Sphäre hinausreichen. Steigender materieller Wohlstand sei Voraussetzung für quasi jede Form von gesellschaftlicher Weiterentwicklung. So seien demokratische Werte, Toleranz, Fairness und Barmherzigkeit eine Funktion des Wirtschaftswachstums. „Wenn eine Gesellschaft materiellen Fortschritt erreicht, ermöglicht ihr das, auch auf anderen Gebieten Forschritte zu machen“, betont Friedman. „Wenn es Stagnation gibt, kommt es auch auf anderen Feldern zu Stillstand oder Rückschritt."

Daraus folgt: Die Auffassung, zwischen steigendem materiellem Wohlstand und moralischen Größen herrsche ein diametraler Gegensatz, ist ein Irrtum. „Wirtschaftswachstum hat auch eine starke moralische Dimension. Die Auffassung, man müsse wirtschaftliche und ethische Gesichtspunkte gegeneinander abwägen, ist falsch.“ In einem im Herbst in den USA erschienenen Buch liefert er zahlreiche historische Beispiele für seine These.

Theoretisch stützt Friedman sich auf die Erkenntnis, dass vor allem der relative Status für Zufriedenheit und Motivation der Menschen entscheidend ist. Dies zeigen zahlreiche Studien von experimentellen Wirtschaftsforschern. „In die menschliche Nutzenfunktion fließt sowohl das absolute wie auch das relative Einkommensniveau ein“, sagt Friedman. Relevant sei einerseits der eigene Status in der Vergangenheit, andererseits der heutige Status der Mitmenschen.

Für die konkrete Wirtschaftspolitik hat Friedmans These eine Reihe von Implikationen. Steigende wirtschaftliche Ungleichheit sei abzulehnen – schließlich bedeute sie, dass große Teile der Gesellschaft keinen nennenswert steigenden Lebensstandard erleben. Daraus folge für die USA: „Die Aussichten sind sehr ernüchternd, wir müssen sehr besorgt sein.“ Zwar ist das Wirtschaftswachstum in den USA höher als in Europa – aber Früchte des zunehmenden Wohlstands seien in der Gesellschaft immer ungleicher verteilt. Für einen Großteil der Amerikaner sei der Lebensstandard schon zwischen 1970 und 1990 kaum gestiegen. Und seit dem Ende des Börsenbooms kurz nach der Jahrtausendwende „erlebt die Mehrheit der Amerikaner Jahr für Jahr sinkende Einkommen“. Daraus folge, dass dem Land mittelfristig auch moralisch-gesellschaftlich schwere Zeiten bevorstehen.

Eine weitere Schlussfolgerung: Ökonomisch analysiert, hat Wirtschaftswachstum Charakteristika eines öffentlichen Gutes – es ist wegen seiner nicht-ökonomischen Nebenwirkungen mit externen Effekten verbunden. Nun gehört es zu den gesicherten Erkenntnissen der Volkswirtschaftslehre, dass der Marktmechanismus bei Externalitäten mit der effizienten Allokation seine Probleme hat – weil die nicht-monetären Effekte vom Preismechanismus nicht berücksichtigt werden. So ziehen Unternehmer bei einer Investition zwar ihre individuellen Kosten und Nutzen ins Kalkül – nicht aber den gesellschaftlichen Nutzen des höheren Wachstums. Daraus folgt für Friedman: Die Wachstumsrate, die sich durch das Spiel von Angebot und Nachfrage ergibt, ist wahrscheinlich zu gering. „Die Wirtschaftspolitik sollte versuchen, eine höhere Wachstumsrate zu erreichen.“ Eine Wirtschaftspolitik des reinen „Laisser-faire“ wäre aus moralischen Gründen abzulehnen.

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