Wirtschaftswachstum
Wie uns die Kartoffel reich gemacht hat

Man kann sie kochen, braten, frittieren und zu Suppe verarbeiten - die Kartoffel. Auch ökonomisch hat die Menschheit keiner Pflanze so viel zu verdanken wie ihr. Warum die braune Knolle den Lebensstandard in Europa angehoben und entscheidend zum wirtschaftlichen und politischen Aufstieg des Kontinents beigetragen hat.
  • 0

LONDON. Der spanische König Philipp der Zweite ahnte nicht, was er da in Händen hielt. Um 1565 hat er eine Kiste erhalten mit seltsamen Dingen. Spanische Eroberer hatten sie aus Amerika mitgebracht. Der Monarch fand darin auch ein paar braune, faustgroße Knollen. Er übergab sie seinen Botanikern und bewunderte einige Monate später eine rund einen Meter hohe, üppig grüne Pflanze mit prachtvollen weißen Blüten. Ein Exemplar der Pflanze schenkte der König dem Papst in Rom. Die Kartoffel hatte Europa erreicht. Anfangs landete sie aber nur in den botanischen Gärten, nicht in den Kochtöpfen.

Auf Dauer aber hat kein anderes Lebensmittel die Geschichte der Menschheit so verändert wie das Nachtschattengewächs mit dem botanischen Namen "Solanum tuberosum". Das zeigen zwei Ökonomen in einer neuen, faszinierenden Studie mit dem Titel "The Potato's Contribution to Population and Urbanization".

Eine unerhoffte Agrarrevolution

Nathan Nunn (Harvard University) und Nancy Qian (Brown University) kommen zu dem Schluss: Die braunen Knollen haben den Lebensstandard in Europa drastisch angehoben und waren eine entscheidende Voraussetzung für den politischen und wirtschaftlichen Aufstieg des Kontinents. Ohne die Kartoffel hätte auch die industrielle Revolution wahrscheinlich so nie stattgefunden.

Durch den Kartoffelanbau explodierte die Produktivität in der Landwirtschaft. Im Vergleich zu den anderen bis dahin in Europa angebauten Nutzpflanzen erwies sich die Kartoffel als weit überlegen. Auf identischer Ackerfläche liefert ein Kartoffelfeld in Kalorien gerechnet einen dreimal höheren Ertrag als Weizen, Gerste und Hafer. Ein 2000 Quadratmeter großer Kartoffelacker - das ist etwa ein Drittel eines Fußballfeldes - lieferte einer Familie mit drei Kindern genug Nahrung für ein Jahr. Hätte sich dieselbe Familie von Getreide ernährt, hätte sie einen Acker von der Größe eines ganzen Fußballplatzes gebraucht. Zudem enthalten Kartoffeln anders als Getreide so viele Vitamine und Nährstoffe, dass Menschen sich fast ausschließlich davon ernähren könnten, ohne Mangelerscheinungen zu bekommen.

Wegen all dieser Eigenschaften vermuten Historiker schon lange, dass die Kultivierung der Kartoffel in Europa wirtschaftliche Folgen hatte. Stichhaltige empirische Belege für diese These fehlten aber. Die bloße Beobachtung, dass in einer Region der Kartoffelkonsum zunimmt und gleichzeitig die Bevölkerungszahl steigt, sagt wenig aus. Schließlich wäre es auch möglich, dass die höhere Bevölkerungsdichte dazu führt, dass mehr Kartoffeln gegessen werden - und nicht umgekehrt.

Nunn und Qian haben dieses Problem mit einem intelligenten methodischen Dreh in den Griff bekommen. Sie nutzten aus, dass sich Kartoffeln nicht in allen Regionen gut anbauen lassen - vor allem, weil das Wetter nicht überall mitspielt. Dort, wo die Bedingungen besonders günstig sind, sollte es auch längerfristig betrachtet mehr Kartoffeln geben als anderswo, und zwar unabhängig von anderen Faktoren, so das Kalkül der Forscher. Und falls die Kartoffel die Ursache für höheren Lebensstandard war, müsste es solchen Regionen nach der Kultivierung der Pflanze in Europa auf Dauer besser gehen.

Seite 1:

Wie uns die Kartoffel reich gemacht hat

Seite 2:

Kommentare zu " Wirtschaftswachstum: Wie uns die Kartoffel reich gemacht hat"

Alle Kommentare

Dieser Beitrag kann nicht mehr kommentiert werden. Sie können wochentags von 8 bis 18 Uhr kommentieren, wenn Sie angemeldeter Handelsblatt-Online-Leser sind. Die Inhalte sind bis zu sieben Tage nach Erscheinen kommentierbar.

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%