Wissenschaftliche Studie zum Nichtraucherschutz
Wie Rauchverbote in Kneipen Kindern schaden

Rauchverbote in Kneipen und Restraurants haben unerwünschte Nebenwirkungen. Denn wenn Raucher an diesen öffentlichen Orten enthaltsam sein müssen, bleiben sie öfter zu Hause und qualmen ihren Kindern und Ehepartnern etwas vor, zeigt eine akteelle Studie von zwei Ökonomen.

Gut gemeint ist oft das Gegenteil von gut gemacht. Der Schutz von Nichtrauchern vor Belästigung und Gesundheitsgefahren durch Raucher ist ein nobles Ziel. Welcher Nichtraucher würde nicht gern in Bars und Restaurants gehen, ohne danach zu stinken wie ein Aschenbecher.

Nichts liegt für Nichtraucher also näher, als für ein Rauchverbot in öffentlichen Orten einzutreten. Die Bundesregierung denkt bereits darüber nach.

Doch solch eine Entscheidung hätte einige unerwünschte Nebenwirkungen – das haben zwei Londoner Forscher in einer jüngst veröffentlichten Studieherausgearbeitet, indem sie das ökonometrische Instrumentarium auf US-Daten anwendeten. Sie zeigen: Wenn Raucher in Kneipen und Restaurants enthaltsam sein müssen, bleiben sie öfter zu Hause und qualmen ihren Kindern und Ehepartnern etwas vor.

Dass das keine theoretische Möglichkeit, sondern bittere Realität ist, fanden die beiden Forscher Jeróme Adda und Francesca Cornaglia heraus, indem sie nachprüften, wie sich die Nikotinbelastung von Nichtrauchern in amerikanischen Bundesstaaten entwickelte. Da diese zu unterschiedlichen Zeitpunkten und in unterschiedlicher Intensität Rauchverbote einführten und Tabaksteuern erhöhten, war eine ökonometrische Untersuchung möglich.

Zur Messung der Nikotinbelastung durch Passivrauchen griffen sie auf eine Erhebung zurück, bei der Speichelproben auf ein Abbauprodukt von Nikotin untersucht wurden. Die Wissenschaftler fanden heraus: Höhere Tabaksteuern senken die Nikotinaufnahme von Rauchern nicht, denn diese inhalieren stärker. Aber den Nichtrauchern tun sie sehr gut – denn die Zigarette, auf die Raucher als Erstes verzichten, scheinen die zu sein, die sie sonst im Beisein von Nichtrauchern rauchen würden.

Ganz anders sieht es bei Rauchverboten aus. Sie haben insgesamt betrachtet keinen Effekt auf die Belastung von Nichtrauchern. Unterscheidet man die Rauchverbote allerdings nach solchen, die Plätze zur Freizeitgestaltung betreffen wie Bars und Restaurants, und andere wie Arbeitsplätze, Schulen, Verkehrsmittel und Einkaufszentren, so zeigen sich deutliche Effekte.

Nur Rauchverbote in der zweiten Gruppe von Lokalitäten nützen den Nichtrauchern. Rauchverbote in Bars und Restaurants schaden ihnen. Dieser überraschende Effekt lässt sich komplett auf die Belastung derjenigen Nichtraucher zurückführen, die mit Rauchern zusammenleben. Auf die anderen lässt sich keine Wirkung feststellen – also auch keine positive.

Besonders beunruhigend: Gerade diejenigen, die ohnehin schon den größten Gesundheitsrisiken ausgesetzt sind, sind von den Ausweichhandlungen der aus den Kneipen vertriebenen Raucher besonders betroffen – die Mitbewohner von Rauchern in einkommensschwachen Familien. Bei ihnen ist der nachteilige Effekt besonders ausgeprägt, während er in der Oberschicht leicht positiv ist.

Mit einem Rauchverbot in Bars und Restaurants läuft man also Gefahr, die Situation gerade der besonders vom Passivrauchen gefährdeten Gruppen zu verschlechtern und das Gesundheitsgefälle nach Einkommen zu verstärken.

Norbert Häring berichtet für das Handelsblatt über Wirtschaftswissenschaften. Quelle: Pablo Castagnola
Norbert Häring
Handelsblatt / Ökonomie-Korrespondent
Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%