Wissenstransfer
Geschäftsreisende sind die besten Entwicklungshelfer

Mails und Videokonferenzen können einen persönlichen Kontakt nicht ersetzen. Oft lohnt es sich, ins Flugzeug zu steigen - Geschäftsreisen sind ein Innovationsmotor.

Die modernsten Fabriken, die fortschrittlichsten Maschinen, die besten Ideen - Ende des 18. Jahrhunderts war England das innovativste Land der Welt. Kreativ waren die Briten auch, wenn es darum ging, ihren Wissensvorsprung zu schützen. Sie verboten ihren Tüftlern und Handwerkern schlicht per Gesetz, die Insel zu verlassen.

1789 jedoch schmuggelte Samuel Slater Konstruktionspläne für moderne Spinnmaschinen in die USA. Er wurde zum Vater der industriellen Revolution in Amerika.

Das historische Beispiel verdeutlicht: Reisen von Geschäftsleuten waren einst ein wichtiges Vehikel, um Know-how zu verbreiten und technologischen Fortschritt anzustoßen.Forscher vermuteten bislang, dass das im Internetzeitalter anders ist. Schließlich kreisen Ideen, Baupläne und Forschungsergebnisse per Mausklick in Sekundenschnelle um den Globus. Warum dann noch persönlich reisen?

Es gibt dafür nach wie vor gute Gründe, zeigen zwei US-Forscher in einer bemerkenswerten Studie mit dem Titel "International Business Travel: An Engine of Innovation?" Obwohl heute jeder das gesammelte Weltwissen per Internethandy in der Hosentasche bei sich tragen kann, lohnt sich persönlicher Kontakt. "Geschäftsreisende, die in ein Land kommen, haben dort einen positiven Effekt auf die Innovationskraft", schreiben Wolfgang Keller (Princeton University) und Nune Hovhannisyan (University of Colorado).

Das Forscherduo analysierte über 100000 Flugdaten amerikanischer Geschäftsleute, die zwischen 1993 und 2003 in 36 verschiedene Länder reisten. Aus den Daten ging hervor, aus welchem Bundesstaat der Passagier abhob, in welcher Branche er arbeitete und in welches Land er flog.

Die Reisebewegungen verglichen die Forscher mit der Zahl der Patente, die Tüftler aus den jeweiligen Gastländern bei der amerikanischen Patentbehörde anmeldeten. Für die Forscher sind die Patentanmeldungen in den USA ein guter Indikator für die Innovationskraft ihrer Handelspartner.

Die Ökonomen stießen auf ein klares Muster: "Wenn die Geschäftsreisen um 10 Prozent zunehmen, steigen die Patentanmeldungen im Schnitt um 0,3 Prozent." Besonders groß fällt der Effekt in hoch technologisierten Branchen wie der Computerindustrie aus. Dagegen, dass der Zusammenhang schlicht Zufall ist, spricht folgende Beobachtung: Wer überdurchschnittlich viel Besuch von Geschäftsleuten aus innovationsstarken US-Bundesstaaten wie Kalifornien bekommt, profitiert auch besonders stark.

Alternative Erklärungen für den Innovationsschub schließen die Ökonomen aus. US-Direktinvestitionen in die Reiseländer etwa würden den Effekt nicht verursachen. "Internationale Geschäftsreisen erklären einen kleinen, aber signifikanten Anteil der unterschiedlichen Patentanmeldungen der Länder", so das Fazit.

Aber warum bringt persönlicher Kontakt mehr als Videokonferenzen und Mailaustausch? Bei ihrer Erklärung berufen sich die Autoren auf den Vordenker Karl Polanyi, der schon 1958 beschrieb, dass Technologien oft "informell" seien. "Darum können sie am besten persönlich gezeigt und vorgeführt werden", so die Forscher. Das sei wie bei einem Kochrezept, vergleicht Ökonom Keller: "Auch wenn alles genau aufgeschrieben ist, wird das Ergebnis bei verschiedenen Köchen unterschiedlich ausfallen." Einem Profikoch am Herd auf die Finger zu schauen, erhöhe dagegen die Chancen, dass die Mahlzeit gelingt.

Die Forscher folgern aus ihren Ergebnissen, dass günstigere Flüge und Visa das Wachstum ankurbeln und Lohnunterschiede zwischen Ländern abbauen könnten. Textilfabrikant Samuel Slater, der es zu Ruhm und Reichtum brachte, würde dem ganz sicher zustimmen.

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