Wissenswert
Die Fehler der Finanz-Alchemisten

Über Jahrhunderte war es ein Menschheitstraum, Blei in Gold zu verwandeln. Woran die Alchemisten verzweifelten, schien in den Neunzigern den Wall-Street-Bankern zu gelingen. Sie schufen neue, hochkomplexe Finanzprodukte und verursachten damit die Weltwirtschaftskrise. Lesen Sie, wie die Finanz-Alchemisten vorgingen - und woran sie scheiterten
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DÜSSELDORF. Blei in Gold zu verwandeln - das ist einer der großen, alten Menschheitsträume. Es dauerte Jahrhunderte, bis die Alchemisten des Mittelalters einsahen: Das ist leider unmöglich. Zumindest mit den Mitteln der Chemie. Die Wall Street jedoch schien in den 90er-Jahren einen Weg gefunden zu haben: das Strukturieren von Darlehen. Durch das Bündeln, Mischen und den portionierten Weiterverkauf von Krediten entstanden Finanzprodukte, die deutlich hochwertiger erschienen als ihre einzelnen Zutaten. Diese "Collateralized Debt Obligations" (CDOs) versprachen attraktive Renditen bei sehr geringen Ausfallrisiken. Das war eine Illusion, so viel ist heute klar: Die CDOs sind längst "toxic waste" - Giftmüll, der die Bankbilanzen verstrahlt und das weltweite Finanzsystem ins Wanken bringt.

Wer die aktuelle Krise verstehen will, der muss begreifen, woran die Finanz-Alchemisten scheiterten. Ein US-Forscherteam ist daher der Arbeit der Kredit-Strukturierer auf den Grund gegangen. Die Ökonomen Joshua Coval, Erik Stafford (beide: Harvard) und Jakub Jurek (Princeton) kommen in ihrer Studie mit dem Titel "The Economics of Structured Finance" zu dem Ergebnis: Strukturierte Kredite leiden unter systematischen Problemen, für die es keine einfachen Lösungen gibt. Daher sei es unwahrscheinlich, dass sich der CDO-Markt je wieder erholt.

So komplex reale CDOs auch sind, letztlich basieren sie auf einem einfachen Prinzip: Durch das Mischen von Krediten werden die statistischen Ausfallrisiken minimiert. Bei zwei Hypotheken über 10 000 Euro, die jeweils mit einer Wahrscheinlichkeit von zehn Prozent platzen, funktioniert das so: Eine Investmentbank bündelt beide Darlehen, so dass ein Kreditportfolio in Höhe von 20 000 Euro entsteht. Dieses wird dann neu in zwei Hälften aufgeteilt - in die "Junior-" und die "Senior-Tranche". Diese werden an andere Investoren - zum Beispiel deutsche Landesbanken - weiterverkauft. Wer die Junior-Tranche hält, bekommt höhere Zinsen, ist aber gleichzeitig einem höheren Risiko ausgesetzt. Sobald nur einer der beiden 10 000-Euro-Kredite platzt, bekommt der Halter der Junior-Tranche kein Geld mehr zurück. Die Senior-Tranche dagegen wird so lange bedient, wie mindestens einer der beiden Hypotheken-Schuldner seinen Kredit zurückbezahlt.

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