Wissenswert
Multitasking macht unproduktiv

Psychologen warnen schon lange: Der Mensch ist fürs Multitasking nicht gemacht. Jetzt liefern Ökonomen erstmals handfeste Belege für den Engpass im Kopf, der unsere Produktivität senkt. "Die Reihenfolge, in der Aufgaben abgearbeitet werden, hat erheblichen Einfluss auf die Performance", schreiben italienische Forscher in einem Papier.
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LONDON. In den deutschen Wortschatz hat es der Begriff mit Hilfe amerikanischer Programmierer und Hardware-Entwickler geschafft: "Multitasking" - die Fähigkeit, mehrere Tätigkeiten gleichzeitig zu erledigen. Moderne Computer beherrschen diese Kunst perfekt. Bei Menschen jedoch sieht es anders aus. Das führen drei Ökonomen am Beispiel von italienischen Richtern vor Augen. Wenn Menschen versuchen, mit zu vielen Aufgaben gleichzeitig zu jonglieren, sinkt ihre Arbeitsproduktivität spürbar, so der Befund.

Die Studie liefert ökonomische Belege für eine These, die Psychologen schon lange vertreten. Sie hat Folgen dafür, wie wir unsere Arbeit organisieren sollten. Wer Schritt für Schritt vorgeht und neue Baustellen erst dann eröffnet, wenn er alte geschlossen hat, schafft mehr. Grundlage der Studie sind detaillierte Daten eines Mailänder Arbeitsgerichts. Die Forscher kennen den exakten juristischen Verlauf aller 58000 Verfahren, die dort zwischen 2000 und 2005 verhandelt wurden. Sie wissen, welcher Richter zuständig war, an wie vielen anderen Fällen er parallel saß und wie viele seiner Entscheidungen später angefochten wurden.

Neue Klagen werden nach dem Zufallsprinzip auf die Juristen verteilt. Allerdings hat jeder einen persönlichen Ermessensspielraum bei der Frage, wann er ein neues Verfahren eröffnet. Dies führt dazu, dass sich die Zahl der gleichzeitig bearbeiteten Fälle zwischen den Richtern deutlich unterscheiden kann.

Es zeigt sich ein klares Muster: Zwar bekommt jeder pro Quartal im Schnitt gleich viele neue Verfahren auf den Tisch. Bei manchen aber sind Prozessdauer und Rückstau offener Fälle geringer als bei anderen. "Wer mit der Eröffnung eines neuen Verfahrens wartet, bis er ein altes zu den Akten gelegt hat, arbeitet in einem Quartal mehr Fälle ab", schreiben die Forscher. Sinkt die Zahl der offenen Verfahren, die ein Richter gleichzeitig auf dem Schreibtisch hat, um fünf Prozent, schließt er jedes Verfahren im Schnitt sechs Tage eher ab. "Die Reihenfolge, in der die Aufgaben abgearbeitet werden, hat erheblichen Einfluss auf die Performance", heißt es in der Studie.

Dass manche Richter systematisch leichtere Fälle bekommen, schließen sie als Erklärung für die Leistungsunterschiede aus. Schließlich entscheide der Zufall, wer für welches Verfahren zuständig sei. Jeder Richter bekomme daher mal einfachere, mal komplexere Fälle auf den Tisch. Über sechs Jahre betrachtet, dürfte es daher keine dauerhaften Unterschiede geben. Auch den Verdacht, dass manche Richter schlampiger arbeiten und daher mehr schaffen, erhärtet sich nicht: Gegen die Entscheidungen produktiverer Juristen wird nicht häufiger Berufung eingelegt. Umgekehrt finden die Forscher keine Indizien dafür, dass die produktiveren Richter per se die besseren Juristen sind. In ihren juristischen Fähigkeiten unterscheiden sich die schnellen nicht von den langsamen.

Um zu zeigen, dass es sich wirklich um einen kausalen Zusammenhang handelt, nutzen die Wissenschaftler zufällige Schwankungen in der Arbeitsbelastung der einzelnen Richter aus. In manchen Quartalen bekommen einzelne Juristen überdurchschnittlich viele Fälle zugewiesen - etwa weil es eine Klageflut gibt oder Kollegen krank sind. Dann bleiben mehr Fälle liegen, bis eine kritische Schwelle von 60 Tagen erreicht ist - länger dürfen die Richter eine Klage nicht unbearbeitet lassen. In solch einer Situation steigt die Zahl der Verfahren, die der Richter gleichzeitig betreut. Die Forscher stellen fest: Genau in einer solchen Situation sinkt die Produktivität des Juristen schlagartig.

"Don?t Spread Yourself Too Thin" von Decio Coviello u.a., CEPR Discussion Paper Nr. 8085 (November 2010)

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