Wissenswert
Warum Forscher die Krise nicht kommen sahen

Für die meisten Konjunkturforscher kam die Krise 2008/09 überraschend. Denn ihre Daten bieten ihnen nur einen Einblick in die Nahe Zukunft - nicht aber in langfristige Entwicklungen.
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LondonKein Grund zur Panik! Als die führenden Wirtschaftsforschungsinstitute im April 2008 ihr gemeinsames Frühjahrsgutachten präsentierten, war das die große, beruhigende Botschaft. Die deutsche Wirtschaft sei in den vergangenen Jahren robuster geworden – ein „Abgleiten in die Rezession“ sei trotz der Probleme in den USA und im Bankensektor „wenig wahrscheinlich“. Tatsächlich fiel die Bundesrepublik nur ein halbes Jahr später in die tiefste Wirtschaftskrise der Nachkriegsgeschichte – im Jahr 2009 brach die Wirtschaftsleistung um mehr als fünf Prozent ein.

Warum haben die Konjunkturforscher die Risiken derart unterschätzt? Und gibt es Konjunkturindikatoren und Modelle, mit denen sie die Konjunkturwende früher und zuverlässiger hätten erkennen können? Dieser Frage ist das Düsseldorfer Institut für Makroökonomie und Konjunkturforschung (IMK) in einer Studie im Auftrag des Bundesfinanzministeriums auf den Grund gegangen.

Die Wissenschaftler haben die Prognosegüte 27 verschiedener Konjunkturindikatoren auf den Prüfstand gestellt. Sie betrachteten realwirtschaftliche Daten wie die Auftragseingänge und die Industrieproduktion, Stimmungsumfragen wie den Ifo-Geschäftsklima-Index und Finanzmarktdaten wie das Zinsniveau und die Aktienkurse.

Die Ergebnisse sind ernüchternd: Selbst mit den modernsten Verfahren und den besten Daten können Konjunkturforscher gerade einmal zwei bis vier Monate in die Zukunft blicken. „Viele Konjunkturforscher machen sich Illusionen über die Güte der verfügbaren Daten und Prognosemethoden“, sagt Gustav Horn, Chef des gewerkschaftsnahen Instituts. Er habe selbst anfangs mit besseren Resultaten gerechnet, räumt er im Gespräch mit dem Handelsblatt ein. Tatsächlich aber sei viel mehr als eine akkurate Beschreibung des konjunkturellen Status quo – im Fachjargon „nowcasting“ genannt – mit den derzeit verfügbaren Ansätzen der Konjunkturforschung nicht möglich.

Selbst die offiziellen Zahlen des Statistischen Bundesamts zur aktuellen Wirtschaftslage zeichnen oft ein schiefes Bild – sie seien systematisch verzerrt, stellen die IMK-Forscher fest. „Dieses Problem wird von vielen Konjunkturexperten unterschätzt“, betont Horn.

So fallen zum Beispiel die ersten Schätzungen zur Industrieproduktion regelmäßig zu niedrig aus – im Schnitt werden sie in den Folgemonaten um 0,5 Prozentpunkte nach oben revidiert. Ein ähnliches Bild gibt es bei den Auftragseingängen. Bei der Inflation dagegen ist es genau andersherum: Hier liegen die ersten Schätzungen tendenziell zu hoch und werden im Laufe der Zeit im Schnitt um 0,11 Prozentpunkte nach unten korrigiert.

Den einen, perfekten Konjunkturindikator gibt es nicht, lautet ein weiterer wichtiger Befund der IMK-Forscher. „Manche Konjunkturexperten meinen: Wenn ich auf den Ifo-Index schaue, weiß ich Bescheid“, sagt Horn. „Das ist aber ein Trugschluss.“ Das verlässlichste Bild erhalte, wer ein möglichst breites Spektrum von Indikatoren betrachtet.

Aber selbst das ist keine Garantie, dass man immer richtigliegt. Ein Beispiel dafür liefert der Konjunkturindikator des IMK, der State-of-the-Art-Methoden und viele verschiedene Daten verwendet und laut Horn schon ab April 2008 auf die steigende Rezessionsgefahr hingewiesen hat. In der zweiten Jahreshälfte 2011 löste der gleiche Indikator jedoch falschen Alarm aus: Damals schoss der Index nach oben und zeigte zeitweise eine Rezessionsgefahr von 70 Prozent an – tatsächlich aber stotterte die deutsche Wirtschaft am Jahresende nur leicht und der wirtschaftliche Absturz blieb aus. Inzwischen hat sich der IMK-Index wieder beruhigt und signalisiert nur sehr niedrige Rezessionsgefahr. Hoffen wir, dass er diesmal richtigliegt.

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  • Na, "keiner" stimmt nicht. Zugegebenermassen sind es nur wenige. Aber z.B. der bekannte US-Econo-Blogger Mike "Mish" Shedlock sagt ebenfalls eine Rezession für Deutschland voraus. Bei nüchterner Betrachtung der Fakten ist das eigentlich auch völlig klar. Leider glaubt die Mehrheit der Bevölkerung nach wie vor der Propaganda der Mainstream-Medien. Und die "Experten" sehen es nicht kommen, weil sie sich, wie Mish so schön formuliert, in "academic wonderland" befinden.

  • Warum sahen sie das nicht kommen?
    Ganz einfach, weil sie nicht wollten, blind waren und Aufträge im Sinne der Regierung- "Schönwetterlage"- zu erfüllen hatten. Was nicht sein durfte, durfte folgedessen auch nicht gesagt werden.
    Es läuft eben vieles anders als mancher denkt.
    Auf der anderen Seite- unabhängige Ökonomen, haben sehr wohl alles haargenau kommen sehen.
    Ich habe Artikel dieser Fachleute seit 2003 gelesen und gesammelt- alles bis heute haargenau eingetroffen.
    Kann mir einer erklären, woher die das wussten? Sie wurden von den Trittbrettfahrern der beschränkten Ökonomenzunft mundtot gemacht, als Irre -Schwachköpfe- Verschwörer -Panikmacher u. v. mehr dargestellt.
    Frage: Wer ist jetzt der Schwachkopf?
    Es gab einige kluge Leute, die genau darüber aufgeklärt haben und davor gewarnt haben.
    Doch die Arroganz der Schmalspurintelligenzler ist so groß, dass sie heute noch nicht auf sie hören, sie ernst nehmen und sie zumindest anhören und nach Lösungen suchen..
    Warum? Weil das ganze System hat, der Plan muß vollendet werden. Merkel wurde dafür auserkoren, den Plan durchzupeitschen.
    Also, hört auf zu lügen, jeder konnte es wissen und alle Polis und Medien wussten es , genau wie ich auch.
    Die haben das Volk verarscht nach Strich und Faden.
    Als kleines "Dankeschön" wurden sie dafür wieder gewählt.
    Jetzt bekommt das Volk, was es sich geschaffen hat:
    "Eine verdammt harte Landung", der Dämmerschlaf ist bald vorbei. 2003 hätte man das alles noch vergleichsweise gut korrigieren können. Jetzt geht gar nichts mehr , egal was sie machen -"NICHTS GEHT MEHR"- es gibt nur noch "TABULA RASA"- ein Ende mit Schrecken und Neustart.

  • Diese Studie scheint auf der IMK-webseite nicht vorhanden zu sein. Können Sie eine Version bereitstellen?

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