Wissenswert
Was Kredite mit Zitronen gemeinsam haben

So schnell kann es gehen: Noch vor gut einem Monat war die Kredit- und Liquiditätsschwemme in aller Munde, jetzt geht plötzlich gar nichts mehr. Der Markt für Kreditderivate ist praktisch ausgetrocknet. Und der Verkauf lohnt sich nur noch für diejenigen, die tatsächlich eine Zitrone loswerden wollen.
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FRANKFURT. Notenbanken pumpen Hunderte Milliarden in den Geldmarkt, über den sich Banken, die es nötig haben, kurzfristige Liquidität bei anderen Banken besorgen, die zu viel davon haben. Die Banken wollen sich nämlich gegenseitig keinen Kredit mehr geben – praktisch weltweit. Die kurzfristigen Refinanzierungspapiere der Banken werden bei Auslaufen nicht weiterfinanziert, weil es kaum Abnehmer gibt. Besonders betroffen vom Käuferstreik sind Schuldverschreibungen, die mit Forderungen und anderen Sicherheiten unbekannten Wertes unterlegt sind. Besonders verbriefte Hypothekenkredite aus den USA sind in Verruf geraten.

Die Banken wollen sich gegenseitig kein Geld verleihen, solange sie nicht wissen, wie die Lage bei der Partnerbank ist. Manche wissen derzeit selbst nicht, wie sie dastehen und welche möglichen Probleme in ihren Büchern liegen. Denn die Märkte für viele der komplexen Finanzprodukte, die in den letzten Jahren in Massen emittiert wurden, sind illiquide geworden. Das heißt, es findet kein nennenswerter Handel mehr statt, zuverlässige Werte lassen sich nur noch schwer ermitteln.

Nur wer nicht anders könne, verkaufe jetzt, berichtet ein Investmentbanker. Genau in diesem Satz liegt die Erklärung dafür, warum vorher hochliquide Märkte fast von einem Tag auf den anderen austrocknen können. Hier liegt auch die Verbindung von Finanzmarktpapieren und Zitronen. Den Wirkungsmechanismus hat George Akerlof in seinem berühmten Papier „Ein Markt für Zitronen“ beschrieben und dafür später den Nobelpreis bekommen. Mit Zitronen meint Akerlof Käufe, die dem Käufer später sauer aufstoßen. Akerlof wählte das Beispiel Gebrauchtwagen. Wie bei Kreditnehmern mit unsicherer Bonität herrscht auf dem Gebrauchtwagenmarkt eine fundamentale Informationsasymmetrie. Der Verkäufer eines Gebrauchtwagens weiß aus langer Erfahrung ziemlich gut, ob und welche versteckten Mängel das Fahrzeug hat. Der Käufer kann sich nur durch kurze Inspektion ein ungefähres Bild vom Zustand machen.

Diese Asymmetrie hat eine für den Markt und für die Käufer ziemlich ungünstige Selbstauswahl der Verkäufer zur Folge. Wer ein schlechtes Auto sein Eigen nennt, wird es gern verkaufen, wer mit seinem Auto zufrieden ist, wird es lieber selbst weiter fahren. Der potenzielle Käufer rechnet mit diesem Verhalten und kauft ein gebrauchtes Auto nur mit gehörigem Preisabschlag. Dadurch verschärft sich auf der Verkäuferseite der Anreiz zur Selbstselektion noch. Der Verkauf lohnt sich nur noch für diejenigen, die tatsächlich eine Zitrone loswerden wollen.

Wenn dieser Mechanismus voll zuschlägt, dann kommt der betreffende Markt gänzlich zum Erliegen oder entsteht erst gar nicht. Der Gebrauchtwagenmarkt funktioniert, weil es genug Verkäufer gibt, die aus nachvollziehbaren Gründen, die nichts mit der Qualität des Autos zu tun haben, ihr Auto verkaufen. Es gibt jede Menge Jahreswagen und Verkäufer, die ihre teuren, neuen Firmenwagen von der Steuer absetzen können.

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