Wissenswert
Welche Schuld die Boni an der Finanzkrise tragen

Liberale wollen gern glauben, dass Boni keine Schuld an der Wirtschafts- und Finanzkrise tragen. Ökonomen neigen in solchen Fällen eher zum Nachrechnen. Mit überraschenden Ergebnissen, wie eine jetzt veröffentlichte Studie zweier Ökonomie-Professoren zum Scheitern von Bear Stearns und Lehman Brothers zeigt.
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DÜSSELDORF. Es ist eine schöne Schnurre aus der heilen Wirtschaftswelt, in der das Sein noch vom Haben abhing. Und diese kleine Geschichte wird noch immer gerne von Kommentatoren, Bankern und Finanzexperten erzählt, wenn wieder einmal jemand die Abschaffung von Boni fordert. Die Vergütungsstrukturen hätten die Bankchefs nicht dazu getrieben, zu hohe Risiken einzugehen. Das könne gar nicht sein. Schließlich hätten die Vorstände der beiden US-Banken Bear Stearns und Lehman Brothers so viel Geld beim Niedergang der beiden Institute verloren.

Das klingt auf den ersten Blick einleuchtend. Wer wie der Vorstandschef von Bear Stearns – Alan Schwartz – auf dem Papier mehr als 900 Millionen Dollar verloren hat, so sollte man meinen, hat noch fest an seine Bank geglaubt, als er den Notverkauf an JP Morgan einleitete. Nun gibt es zwei Dinge, die Ökonomen in solchen Fällen hinterfragen: Ist das persönliche Abschneiden in einem Vergütungssystem ein Indikator dafür, ob dieses die richtigen Anreize setzt? Und stimmt es überhaupt, dass die Herren an der Spitze der beiden Geldhäuser wirklich unterm Strich so viel Geld verloren haben? Lucian Bebchuk, Alma Cohen und Holger Spamann allesamt Ökonomie-Professoren von der Harvard Law School, stellten sich genau diese Fragen.

Dafür schauten sie sich die Gehälter, Aktienanteile, Optionen und Boni der fünf obersten Bosse der beiden Geldhäuser in den Jahren 2000 bis 2008 genau an. Es genüge nicht, nur auf die Anreize im Jahr 2008 zu blicken, schreiben die Forscher in ihrer Studie. Die notwendigen Daten sammelten sie bei der Thomson-Financial-Insider-Datenbank, bei der US-Börsenaufsicht SEC und in den Geschäftsberichten.

Nur wenn man die verschiedenen Gehaltsbestandteile über eine längere Zeit beobachte, könne man das Verhalten der Vorstände analysieren, stellen die Ökonomen fest. So bekamen die jeweiligen Top Fünf der beiden Banken in diesen acht Jahren insgesamt Grundgehälter in Höhe von neun bzw. 17,5 Millionen Euro. Die individuellen bar ausgezahlten Boni summierten sich dagegen bei Lehman auf 173 Millionen Dollar, bei Bear Stearns gar auf 330 Millionen.

Neben diesen Boni hatten die Vorstände zusätzlich noch Aktien und Optionen erhalten. Die Gewährung orientierte sich an der kurzfristigen Performance ihrer Geldhäuser an der Börse. Diese Aktien und Optionen werden immer erst dann zu Geld gemacht, wenn die Manager sie verkaufen. Und offenbar haben die Führungsspitzen der beiden Banken davon reichlich Gebrauch gemacht. Die Berechnungen der Forscher zeigen: Die jeweiligen Top-Banker beider Geldhäuser haben in den Jahren 2000 bis 2008 von ihren Anteilen weitaus mehr verkauft als behalten.

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