Wissenswert: Wer die Einkommen auseinander treibt

Wissenswert
Wer die Einkommen auseinander treibt

In den Industriestaaten wird die Kluft zwischen arm und reich wird immer größer. Es gibt viele Faktoren, die dafür verantwortlich sind. Einige Wirtschaftswissenschaftler halten die Zentralbanken für einen solchen Faktor.
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LondonWir sind die 99 Prozent!", lautete der Schlachtruf, mit dem die Occupy-Bewegung auf die Straßen zog. Tatsächlich profitierte vor der Krise in den USA das reichste eine Prozent der Bevölkerung überproportional stark vom Wirtschaftswachstum - bei den restlichen 99 Prozent kam kaum etwas an, zeigen Forschungsergebnisse des Berkeley-Ökonomen Emmanuel Saez. Auch in Deutschland ist die Kluft zwischen unten und oben in den vergangenen Jahren immer größer geworden, stellte die OECD fest.

Volkswirte erklären die steigende Einkommensungleichheit normalerweise so: Durch den technischen Fortschritt steige die Nachfrage nach sehr gut ausgebildeten Beschäftigten - und damit auch ihre Löhne. Zugleich seien Geringqualifizierte unter Druck. Denn die Gewerkschaften verlieren an Einfluss, und im Zuge der Globalisierung werden einfache Tätigkeiten immer stärker ins Ausland verlagert.

Doch diese Erklärungen sind möglicherweise unvollständig. Auch die Geldpolitik der Notenbanken hat offenbar einen nicht zu vernachlässigenden Einfluss auf die Einkommensverteilung. Zu diesem Fazit kommt ein vierköpfiges Forscherteam um Yuriy Gorodnichenko von der University of California, Berkeley, in einer jetzt veröffentlichten Studie.

Die Volkswirte begeben sich mit ihrer Arbeit in ein wissenschaftliches Minenfeld, denn die Verteilungswirkungen von Geldpolitik waren für Mainstream-Volkswirte bislang ein Tabu-Thema. Von stabilen Preisen, so nahmen Ökonomen an, profitieren alle Bevölkerungsgruppen in gleichem Maße.

Doch hat das Forscherquartett um Gorodnichenko recht, dann ist das ein Irrtum. Die Ökonomen beleuchten die Frage am Beispiel der Vereinigten Staaten seit 1980. Basis der Studie sind Daten des Bureau of Labor Statistics, mit denen die Forscher die monatliche Entwicklung von Einkommen und Konsum einer repräsentativen Stichprobe von US-Privathaushalten nachvollziehen können.

Wenn die US-Notenbank die Leitzinsen anhebt, gibt es laut Studie klare Gewinner und Verlierer: Die reichsten zehn Prozent der Gesellschaft profitieren, die ärmsten zehn Prozent dagegen leiden. "Die Effekte sind signifikant, halten lange an und erhöhen die Einkommensungleichheit zwischen den Haushalten", heißt es in der Studie mit dem Titel "Innocent Bystanders? Monetary Policy and Inequality in the U.S."

Der wichtigste Wirkungskanal, über den restriktive Geldpolitik auf die Ungleichheit wirkt, sind offenbar die Löhne: "Die Arbeitseinkommen am oberen Ende der Einkommensverteilung steigen, die am unteren Ende sinken."

Warum das so ist, darüber können die Forscher allerdings nur spekulieren: Geldpolitik wirke hauptsächlich über das Zinsniveau auf die Wirtschaft. Möglicherweise sei die Erklärung, dass die Nachfrage nach Kapital unterschiedliche Effekte auf die Nachfrage nach einfacher und nach qualifizierter Arbeit habe.

Einen wichtigen Aspekt aber blenden die Forscher in ihrer Studie aus: Welche Verteilungswirkungen hätte es, wenn die Notenbank auf restriktive Geldpolitik verzichten würde? Über kurz oder lang dürfte eine höhere Inflationsrate die Folge sein. Und darunter, das lehrt die Geschichte, leiden die unteren Einkommensschichten am meisten. Löhne und Gehälter können in der Regel mit der Geldentwertung nicht mithalten, und einfache Leute haben ihr Vermögen seltener in Sachwerten wie Immobilien angelegt.

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  • Reiche Leute können ihr Investionsvolumen durch Kredite vedoppeln, weil sie ihr Eigenkapital im Extremfall nur zur Sicherheit brauchen und deshalb zusätzlich anlegen können. Daraus resultiert auch die Berechtigung für eine Steuerprogression, die bei uns in der Spitze jenseits der Reichensteuer zu niedrig ist und somit umso günstiger wird, je reicher man ist.
    Bei ärmeren Leuten steigt dagegen nur das Existenzrisiko, ihre Ahängigkeit vom Erwerbseinkommen wird Ihnen zum Verhängnis, weil ihre Kredite selten einkommensteigernde Investionen sind.
    Es handelt sich sozusagen um eine Sattelpunktfunktion, die in der Nähe der Nullinie (Grenze, ab der Vermögen gebildet werden können) sowohl unterhalb als auch oberhalb relativ geringe Unterschiede produziert. Sinkt das Einkommen stärker unter diese Linie steigt das Risiko zu verarmen exponential. Deutlich oberhalb sinkt dagegen das Risiko exponential ebenso wie das Vermögenswachstum steigt. Diese Kurven sind umso steiler je niedriger oder höher die Einkommen sind. Der sattel ist umso schmaler, je höher die Besteuerung in diesme Bereich ist.
    Hinzu kommt, das Geldwertstabilität schon deshalb auf die Verteilung von Einkommen wirkt, weil die Geldschschöpfung nicht linear über alle Marktteilnehmer gleichmäßig erfolgt.
    Gerade im untersuchten Zeitraum erfolgte die Geldschöpfung unkontolliert über die Kredithebel der Vermögenden in nie dagewesenen Ausmaß und zudem noch unzureichend besichert.
    Wer dabei den Geldwert stabil halten will und die Gelschöpfung nicht an der Quelle kontrolliert, muss dies anderswo tun, über die Löhne und Gehälter in der Masse. Das heisst Geldstabilität ist nur durch Lohnzurückhaltung erreichbar, wei ldie Geldmenge ständig an anderer Stelle übermäßig steigt.

    H.

  • "… Wenn die US-Notenbank die Leitzinsen anhebt, gibt es laut Studie klare Gewinner und Verlierer: Die reichsten zehn Prozent der Gesellschaft profitieren, die ärmsten zehn Prozent dagegen leiden …"

    Die Verlierer sind dann die Kreditnehmer bzw. die, die schon einen Kredit laufen haben, falls die Zinssätze nicht fixiert sind und so ansteigen, weshalb ein Ansteigen der Zinsen auf laufende Kredite in solchem Fall politisch verboten werden muss. Man wird sowieso lernen müssen, dass man auch die Verträge der Reichen zu brechen hat und nicht nur immer die der Kleinen Leute. Bräche man Abmachungen von flexiblen Zinssätzen auf schon vor dem Zeitpunkt abgeschlossene Kredite und fröre diese auf dem niedrigsten Niveau ein, würden einige Probleme verschwinden. Sind die Zinssätze für Neukredite höher, würden einige Schulden nicht gemacht und trügen nicht zu weiterer Geldmengenausdehnung bei, was eventuell eine gesunde Schrumpfung zur Folge hätte, weil Anschaffungen auf Kredit besonders im privaten Bereich ausblieben. Argumentiert man dagegen, bleibt festzustellen, dass, was wir derzeit erleben, aufgrund solcher expansiven Eingriffe, immer zugunsten eines steigenden Marktes, überhaupt erst entstanden ist. Eine gesunde Wirtschaft wächst immer langsam und marktkonform. Aber die Gier der Pseudoelite hat alles beschleunigen müssen, weswegen die die Hauptverlierer werden müssen, kommen wir an Umverteilungen, die bisher von unten nach oben stattgefunden haben, nicht vorbei. Derzeit wird allerdings noch immer vom Kanalreiniger zu Quandt und Klatten umverteilt statt andersrum.

  • Wenn sie darauf verzichtete, heißt ja nicht, dass sie automatisch das Gegenteil machen würde, nämlich eine inflationsfördernde, expansive Geldpolitik betriebe.

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