Wissenswert
Wo der Jungspund dem Manager das Wasser abgräbt

Wer arbeitet effizienter: Manager mit langjähriger Berufserfahrung oder Hochschulabsolventen? Drei Forscher aus Deutschland und den USA untersuchten den Einfluss der unterschiedlichen Erfahrungen auf Entscheidungsprobleme in Unternehmen – und kamen zu überraschenden Ergebnissen.
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DÜSSELDORF. Zeitungsjungen laufen schon lange nicht mehr morgens rufend durch die dunklen Straßen und preisen die neuesten Nachrichten an. Die Frage aber, wie viele Zeitungen sie für den nächsten Tag bestellen sollen, damit sie weder zu wenige verkaufen noch zu viele wegwerfen müssen, ist als das Zeitungsjungenproblem in die wirtschaftswissenschaftliche Forschung eingegangen.

Denn viele Einkaufsmanager in Unternehmen stehen vor ähnlichen Fragen. Zwar sind ihre Waren meist nicht ganz so schnell verderblich wie eine Tageszeitung, und sie müssen ihre Bestellungen nicht wie die Zeitungsjungen aus der eigenen Tasche bezahlen. Aber viele Manager im Einkauf müssen über Bestellmengen entscheiden, ohne genau zu wissen, wie viele Produkte ihnen die Kunden abnehmen. Wer zu viel bestellt, muss die Überschüsse oft verramschen oder ganz abschreiben.

Nun könnte man annehmen, dass solche Entscheidungen vor allem bei Managern gut aufgehoben sind, die über eine besonders lange Erfahrung in ihrem Job verfügen. Jungspunden von der Uni trauen das nur die wenigsten Unternehmen zu. Vielleicht machen die Firmen damit aber einen großen Fehler. Drei Wissenschaftler – Gary E. Bolton von der Pennsylvania State University sowie Axel Ockenfels und Ulrich Thonemann von der Universität zu Köln wollten wissen, was an den (Vor-)Urteilen dran ist.

Sie entwickelten ein Laborexperiment, in dem sie Einkaufsmanager, Studienanfänger und Masterstudenten, die bereits Seminare zu Operations Management gehört haben, bei ihrer Lösung des Zeitungsjungenproblems beobachteten. Die Forscher wollten herausfinden, welchen Einfluss die unterschiedlichen Erfahrungen von Managern und Studenten auf Entscheidungsprobleme in Unternehmen haben.

Entscheidungsträger orientieren sich oft an den falschen Größen

Die Wissenschaftler konfrontierten die insgesamt 164 Probanden mit einer typischen Einkaufssituation in einer Firma. Die Teilnehmer mussten ein leicht verderbliches Produkt, dessen Einkaufs- und Verkaufspreis sie kannten, ordern. Nach jeder Order konnten die Versuchsteilnehmer sehen, ob sie zu viel oder zu wenig bestellt hatten. Und: Vor Beginn ihrer ersten Bestellung konnten sie in einer Grafik nachschauen, wie stark die Kundennachfrage in der Vergangenheit geschwankt hatte.

In der ökonomischen Forschung ist seit längerem bekannt, dass Menschen bei solchen Entscheidungen zu einer verzerrten Wahrnehmung neigen – wir beachten oft die falschen Größen. Im Experiment von Bolton, Ockenfels und Thonemann orientierten sich alle Versuchsteilnehmer vor allem an der durchschnittlichen Kundennachfrage. Das ist aber aus kaufmännischer Sicht nicht sinnvoll. Einkaufsmanager sollten sich eher an einer Bestellmenge orientieren, die – bei unsicherer Kundennachfrage – den Gewinn des Unternehmens maximiert.

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  • Das Experiment fokussiert auf den Umgang mit analytischen Methoden. Zu diesem Zweck wurden in zweiten Versuchsschritt für alle Versuchgruppen identische, bestimmte, zusätzliche Daten eingeführt. in der Realität stellt sich aber schon die Frage der Auswahl von Daten: Welche der sich täglich ereignenden und zu beobachteten Ereignisse sind für die zukünftige Entscheidungsfindung relevant und werden vom wem als solche erkannt?

  • interessante Studie, jedoch leider zu stark vereinfacht. "Unbefriedigte" Kunden der Vorperiode müssten sich auf die dauerhafte Nachfrage auswirken, ansonsten ist es ein zu simples Optimierungsproblem, welches mit mathematischen Methoden relativ leicht zu approximieren ist. Da wundert es mich nicht, dass Leute die zu lange "im Tagesgeschäft" sind, schlechter abschneiden ...

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