ZEW-Studie
Warum es gefährlich ist, auf Ökonomen zu hören

Reformen sind unpopulär - wenn Politiker umsetzen, was Ökonomen ihnen empfehlen, dann laufen sie Gefahr, bei der nächsten Wahl ihren Job zu verlieren. Warum das so ist und was Politiker tun können, um das zu vermeiden, hat das Mannheimer ZEW im Auftrag des Bundesfinanzministeriums systematisch untersucht.
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Seit Jahrzehnten sagen die Ökonomen den Regierungen, wie sie es richtig machen sollen - und seit Jahrzehnten hören die Regierungen die meiste Zeit weg. Und wenn sie doch einmal eine von Ökonomen inspirierte Reform umsetzen, werden sie häufig postwendend abgewählt.

Im Bundesfinanzministerium ist man dieses Spieles leid. Es hat daher Ökonomen erforschen lassen, warum ihr Rat regelmäßig zur Abwahl führt. Auch wie man ihn am besten umsetzen soll, wollte das Finanzministerium von der Forschergruppe unter Leitung des Zentrums für Europäische Wirtschaftsforschung (ZEW) in Mannheim, wissen.

Die Autoren des Gutachtens gehen von der Prämisse aus, dass der Ökonomenrat inhaltlich richtig ist. Was fehle, sei die Einsicht der Bevölkerung. Diese sei aufgrund einer Reihe von psychologischen Verzerrungen, die man vulgo mit Dummheit und Naivität bezeichnen würde, nicht in der Lage, die Vorteile der Reformen zu erkennen.

Vor allem die Prospekttheorie von Nobelpreisträger Daniel Kahneman und Amos Tversky ziehen die Forscher zur Erklärung heran. Danach beurteilen Menschen Größen wie zum Beispiel ihr Einkommen in Bezug auf einen Referenzpunkt. Dieser kann zufällig zustande gekommen sein und ist oft einfach der Status Quo. Verluste gegenüber dem Referenzpunkt werden weit stärker empfunden als Gewinne - dies führt bei Gewinnern wie Verliereren zu einer starken Neigung zugunsten des Status Quo gibt.

Außerdem seien Menschen oft kurzsichtig und berücksichtigten später auftretende Gewinne im Vergleich zu heute auftretenden Kosten einer Reform zu wenig. Auch wollten sie falsche Meinungen über Reformen nicht ändern, weil sie zur Vermeidung "kognitiver Dissonanzen" alles ausblendeten, was vorgefassten Meinungen widerspricht.

Hinzu komme, dass Menschen zu wenig Abstraktionsvermögen besßen. Weil die Verlierer einer Reform vorher identifizierbar sind und ein Gesicht haben, riefen sie mehr Empathie hervor und schlügen politisch stärker durch als die vorher oft nicht einzeln identifizierbaren Gewinner.

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