Ölpreis und die Euroaufwertung fordern ihren Tribut
Ifo-Index fällt unerwartet stark

Die Stimmung in der deutschen Wirtschaft hat sich unwartet deutlich eingetrübt. Besonders dramatisch: Sowohl Geschäftslage als auch Ausblick werden von den 7 000 befragten Unternehmen schlechter als noch im Oktober eingeschätzt.

HB BERLIN. Der Ifo-Index fiel auf 94,1 von 95,3 Punkten im Oktober, wie das Münchner Institut für Wirtschaftsforschung (Ifo) am Donnerstag mitteilte. „Neben den Standortproblemen, die die Binnenkonjunktur von der Weltkonjunktur abgekoppelt haben, fordern der hohe Ölpreis und die Euroaufwertung ihren Tribut“, erklärte Ifo-Chef Hans-Werner Sinn. Die rund 7000 befragten Unternehmen bewerteten sowohl ihre aktuelle Geschäftslage als auch ihre Erwartungen schlechter als noch im Vormonat.

Damit markierte der wichtigste deutsche Frühindikator für die Konjunkturentwicklung den tiefsten Stand seit September vergangenen Jahres. Analysten hatten im Schnitt nur mit einem Rückgang des Index auf 94,7 Zähler gerechnet. Der Teilindex zur Lageeinschätzung gab erstmals seit Juni nach auf 93,8 von 94,7 Punkten. Der Teilindex zu den Geschäftserwartungen fiel auf 94,3 von 95,9 Punkten, wie das Ifo weiter mitteilte.

„Das Wunder ist, dass die Weltwirtschaft so stark wächst wie seit 28 Jahren nicht mehr und Deutschland daran nicht teilnimmt“, sagte Sinn dem Sender CNBC. Wegen der hohen Arbeitskosten investierten die Firmen lieber im Ausland und die um ihre Jobs bangenden Arbeitnehmer hielten sich beim Konsum zurück. Der Ifo-Konjunkturexperte Gernot Nerb sagte Reuters, der grundsätzliche Trend einer ganz langsamen Konjunkturerholung in Deutschland sei durch die schwächeren Daten nicht gefährdet: „Die erhoffte Dynamik kann man aber noch nicht erkennen.“

Nach Angaben des Ifo verbesserte sich allein in der Industrie die Lagebeurteilung, insgesamt ging aber auch dort wie im Groß- und im Einzelhandel das Geschäftsklima zurück. Nur im Bauhauptgewerbe blieb es stabil. Die Exporterwartungen der Industrie seien stabil geblieben. Daniela Etschberger von Dresdner Kleinwort Wasserstein sagte, es könne aber nicht mehr lange dauern, bis auch die Exporterwartungen zurückgingen: „Es sieht eher danach aus, als müssten wir auch in den kommenden Monaten mit einem hohen Ölpreis und einem starken Euro rechnen.“

Die Aussichten für das Wirtschaftswachstum seien mittelfristig nicht rosig, sagte Etschberger. „Die Konjunktur wird im Verlauf des Winterhalbjahres vor sich hin dümpeln“, sagte auch Jörg Lüschow von der WestLB. Das Wachstum werde erst im Frühjahr leicht zunehmen, wenn die Belastungen vom Öl abnähmen, die Verbraucher Vertrauen fassten und die Firmen wieder mehr investierten. Bernd Weidensteiner von der DZ Bank sagte: „Insgesamt ist der Gegenwind stärker geworden für die deutsche Konjunktur.“

Klaus Schrüfer, SEB:
„Dies ist ein Signal, dass die wirtschaftliche Erholung nur sehr zögerlich vorankommt. Auf Basis der heutigen Daten ist der Wachstumsausblick für kommendes Jahr schwächer als für dieses Jahr.“

Jörg Lüschow, WestLB:
„Der Rückgang war natürlich stärker als erwartet, aber kommt nicht gänzlich überraschend. Mich überrascht allerdings, dass das Ifo Öl als Belastungsfaktor nennt, da der Ölpreis ja bereits wieder gefallen ist. Es ist dagegen wenig überraschend, dass die Firmen die Wechselkursentwicklung als problematisch einstufen. Allerdings hat sich die preisliche Wettbewerbsfähigkeit der deutschen Wirtschaft gar nicht ganz so deutlich verschlechtert, wie der Euro-Kurs nahe legt. Mir leuchtet allerdings nicht ein, warum die Exporterwartungen stabil geblieben sein sollen, wenn die Firmen den Euro als Problem sehen. In einem Umfeld, in dem die Konjunkturprognosen ständig nach unten revidiert werden, ist es nicht überraschend, dass sich die Erwartungen eintrüben. Es ist allerdings enttäuschend, dass sich auch die Lage verschlechtert hat. Die Konjunktur wird im Verlauf des Winterhalbjahres vor sich hin dümpeln. Nennenswerte Wachstumsraten werden wir nicht sehen. Das Wachstum wird erst im Frühjahr leicht zunehmen, wenn die Belastungen vom Öl abnehmen, die Verbraucher Vertrauen fassen und die Firmen wieder mehr investieren. Dennoch wird der Wachstumspfad wohl flach bleiben.“

Bernd Weidensteiner, DZ Bank:
„Der Ölpreis hat sich mittlerweile wieder etwas entspannt, so dass das nicht das Hauptthema sein dürfte. Bedenklich ist eher die Wechselkursentwicklung. Es überrascht, dass die Exporterwartungen noch relativ stabil geblieben sind. Das ist ein gewisser Widerspruch in den Aussagen. Wahrscheinlich sind die Unternehmen denn auch von den Nachrichten in den Medien geprägt, die eher schwarz malen, was die Auswirkungen des Euro-Kurses betrifft, ihr eigenes Geschäft jedoch noch relativ positiv sehen. Für die Konjunktureinschätzung ist wohl wichtiger, dass vor allem der Einzelhandel die Geschäftslage noch einmal schlechter beurteilt. Insgesamt ist der Gegenwind stärker geworden für die deutsche Konjunktur.

Daniela Etschberger, Dresdner Kleinwort Wasserstein:
„Vor allem das Verarbeitende Gewerbe leidet unter dem hohen Ölpreis und der Euro-Aufwertung. Das zeichnete sich bereits in anderen Umfragen ab. Es kann auch nicht mehr lange dauern, bis auch die Exporterwartung zurückgehen. Es sieht eher danach aus, als müssten wir auch in den kommenden Monaten mit einem hohen Ölpreis und einem starkem Euro rechnen. Die Aussichten für das Wirtschaftswachstums sind daher auch mittelfristig nicht rosig.“

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