Offen aus der Krise
Ein Ruck geht durch Griechenland

Die Krise hat das Land wachgerüttelt. Manch alte Gewohnheit geht über Bord. Die gute Beziehung zu den Deutschen hat allerdings gelitten - denn von den Freunden hatten die Griechen an ihrem Tiefpunkt mehr erwartet.
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ATHEN. Krise? Nicht im "Rich" im Athener Küstenvorort Glyfada. Der Name des Cafés, das sich gegen Abend in eine Bar verwandelt, ist Programm. Vor dem Laden stehen Porsche Cayenne, Mercedes ML und BMW X6. Ein Maserati parkt dreist in der zweiten Reihe.

Es ist Montagvormittag, und eigentlich müsste man annehmen, alle Griechen seien an der Arbeit, um ihr Land aus der Schuldenfalle zu befreien. Aber im "Rich" ist fast jeder Tisch besetzt. Der Kaffee kostet hier fünf Euro. Macht nichts. Es gibt immer noch viele Griechen, die sich das leisten können.

Im "Rich" sitzt auch der Deutsche Tobias Zeller: "Hier fühlt man sich wie auf der Titanic", sagt der 43-Jährige, der seit drei Jahren bei einem griechischen Logistikunternehmen arbeitet. Zeller weiß, wie ernst die Lage ist: Die Rezession hat Griechenland fest im Griff. Rund 100 000 Pleiten im Groß- und Einzelhandel erwartet man bis zum Jahresende.

Aber die Krise birgt auch Chancen. Davon ist Premier Giorgos Papandreou überzeugt: "Griechenland wird gestärkt aus dieser Krise hervorgehen", sagt er. "Wir müssen jetzt unsere Wirtschaft von Grund auf modernisieren." Genau darin liegen Chancen für ausländische Investoren.

Die Krise verbessert die Dienstleistungsmentalität

Auch Tobias Zeller kann der Krise etwas abgewinnen. Wenn man sich nicht gerade im "Rich" aufhält, sei die Stimmung in Griechenland zwar gedrückt, stellt er fest. Zugleich seien die Menschen aber freundlicher geworden: "An der Kasse im Supermarkt oder im Restaurant wird man oft viel zuvorkommender behandelt als früher", sagt er. Dem Krisenherd Hellas den Rücken kehren? Das würde der Deutsche selbst dann nicht tun, wenn er seinen Job verlöre. "Auf die griechische Lebensart möchte ich nicht mehr verzichten", sagt Zeller.

So geht es vielen Expatriates an der Akropolis: die Nähe zum Meer, lange Sommer und milde Winter, die Athener Café-Kultur - wer sich einmal daran gewöhnt hat, will es nicht mehr missen. Das relaxte Lebensgefühl tröstet über manche Widrigkeit hinweg, etwa die für Ausländer besonders undurchschaubare Bürokratie oder den eklatanten Mangel an Rücksichtnahme, den viele Griechen im Alltagsleben an den Tag legen.

Das sei ein ständig praktizierter Widerspruch im griechischen Charakter, sagt der Deutsche Jens Bastian: "Auf der einen Seite große Humanität, große Bereitschaft zur Solidarität, auf der anderen eine extreme Egozentrik, eine oft erschreckende Selbstbezogenheit."

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  • Was haben die denn erwartet? Hätten wir ihnen die Milliarden schenken und mit jährlich weiteren Milliarden den Lebensstandard sichern sollen? Für einen gewissen Lebensstandard muß man arbeiten, zumindest ein Teil der bevölkerung!

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