Osteuropa
Einstige Wachstumsregion schwächelt

Die Party war abrupt vorbei, nur den Kater hatten die meisten noch nicht bemerkt. In Osteuropa verhallten die Mahnungen über die Gefahren exorbitanter Verschuldung lange Zeit ungehört. Nun hat die Krise die gravierenden Schwächen im Osten offengelegt. Welche Faktoren die Länder besonders anfällig machen.

BERLIN. Immer mehr Notenbanker hatten in Mittel- und Osteuropa bereits gewarnt, dass die private Verschuldung in ihren Ländern besorgniserregende Ausmaße annähme und vor allem Kredite in Fremdwährungen große Gefahren bürgen. Der Auslöser für die gnadenlose Talfahrt kam dann von außen, als die Nachfrage nach Stahl, Autos und Waschmaschinen aus den Ost-Werkbänken des Westens drastisch einbrach.

Mit der Krise wurden gravierende Schwächen im Osten offensichtlich. Bundespräsident Horst Köhler spart dabei nicht mit Kritik: "Hier rächen sich Wachstumseuphorie und Reformversagen." Denn für Ökonomen kommt die Ost-Misere nicht völlig überraschend. So hatte die Ratingagentur Standard & Poor?s bereits im April 2008 vor Krisenanfälligkeit und Kreditengpässen in Folge der exorbitanten Verschuldung gewarnt und besonders Lettland und Rumänien genannt. Beide Länder sowie Ungarn, die Ukraine und Serbien mussten nun mit milliardenschweren Hilfspaketen des Internationalen Währungsfonds, der Weltbank und der EU vor der Zahlungsunfähigkeit gerettet werden.

"Knackpunkt für die Krise ist, dass die betroffenen Staaten im Osten jahrelang exorbitant auf Pump gelebt haben, und alle waren glücklich dabei - auch unsere Banken", sagt Wolfram Schrettl, Wirtschaftsexperte des Osteuropa-Instituts der Freien Universität Berlin. Er macht die seit Jahren ausgebauten gewaltigen Leistungsbilanzdefizite zur Hauptursache der Krise. Diese variieren in Osteuropa gewaltig: Von nur 2,8 Prozent gemessen am Bruttoinlandsprodukt (BIP) in Tschechien oder 5,4 Prozent in Polen bis zu 24,5 Prozent in Bulgarien und sogar 26,9 Prozent in Montenegro. In den Staaten der Euro-Zone lagen sie durchschnittlich nur bei 0,6 Prozent.

Neben gravierenden Exportschwächen in der Ukraine und auf dem West-Balkan ist der Grund immer derselbe: Die rasant gestiegene Verschuldung der Privathaushalte. Sie war zwischen 2002 und 2007 durchschnittlich um 44 Prozent pro Jahr gewachsen und habe laut Schrettl auch zu einer "Immobilienblase wie in den USA" geführt.

Aber auch die Staaten selbst sind nicht schuldlos: Die Bruttoauslandsverschuldung ist laut Wiener Institut für internationale Wirtschaftsvergleiche (WIIW) immer weiter nach oben geklettert - auf 137 Prozent des BIP 2008 in Lettland, 121 Prozent in Ungarn oder 112 Prozent in Bulgarien, das unter Experten bereits als nächster Kandidat für den Staatsbankrott gilt. Das aber birgt erhebliche Gefahren eines Überschwappens der Schuldenkrise aus dem Osten nach Westeuropa. Die Osteuropaförderbank EBRD rechnet inzwischen mit Zahlungsausfällen und faulen Krediten in Höhe von zehn Prozent der verliehenen 1,45 Billionen Dollar.

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