Padoa-Schioppa „Die Euro-Krise ist ein Weckruf“

Er war einer der Architekten des Euro. Am Samstag verstarb der ehemalige Notenbanker Tommaso Padoa-Schioppa nach einem Herzstillstand. In seinem letzten Interview entwickelt er eine Vision, wie es mit dem Euro nach der Krise weitergehen könnte.
  • Silke Wettach
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In seinem letzten Interview rechnet der verstorbene Notenbanker Padoa-Schioppa mit dem Euro ab. Quelle: ap

In seinem letzten Interview rechnet der verstorbene Notenbanker Padoa-Schioppa mit dem Euro ab.

(Foto: ap)

Signore Padoa-Schioppa, die Euro-Krise erreicht eine neue Dimension. Nun verlangte die Europäische Zentralbank, dass die Mitgliedstaaten ihr Grundkapital aufstocken. Was halten Sie davon?

Ich habe mir die Geschäftszahlen der EZB nicht im Detail angesehen, um mir selbst ein Bild zu machen. Ich vertraue aber voll und ganz der Analyse der EZB. Wenn sie selbst zu dem Schluss kommt, dass ihr Grundkapital aufgestockt werden soll, dann gibt es absolut keinen Grund, diesem Wunsch nicht nachzukommen.

Wenn Sie sich das Euro-Krisenmanagement ansehen, haben Sie dann den Eindruck, dass Politiker Finanzmärkte verstehen?

Manchmal sind sich Politiker nicht bewusst, was sie mit ihren Aussagen an den Märkten auslösen können. Allerdings müssen Politiker nicht zwingend exzellente Ökonomen sein, um richtige Entscheidungen zu treffen. Der frühere Bundeskanzler Helmut Kohl hat gute wirtschaftliche Grundsatzentscheidungen getroffen - und war kein Experte.

Kohl musste auch keine vergleichbare Wirtschaftskrise bewältigen.

Natürlich kann man die Zeiten nicht vergleichen. Ich will nur sagen: Die anstehenden Entscheidungen zum Euro werden vermutlich vor allem eines verlangen - politisches Geschick .

Was sollte die Politik tun?

Die Märkte haben zuerst Griechenland ins Visier genommen, dann Irland. Nun wächst die Angst, dass Portugal, Spanien, Italien und andere Länder dran sein könnten. Die Märkte testen aber nicht die Zahlungsfähigkeit dieser Länder, sondern die Fähigkeit der Euro-Zone, politisch auf die Krise zu reagieren. Griechenland, Irland oder Portugal stehen wirtschaftlich nicht schlechter da als US-Staaten wie Kalifornien oder Illinois. Die Märkte wären nicht so angriffslustig, wenn sie völlig überzeugt davon wären, dass die EU ebenso entschlossen wie die USA reagiert.

Welche Art von Reaktion würde die Märkte von weiteren Attacken abhalten?

Es wurden ja schon viele Entscheidungen getroffen, die über das hinausgehen, was die Märkte von der EU erwartet haben. Aber die Märkte sind immer noch nicht überzeugt. Das hängt auch damit zusammen, dass jedes Mal der Eindruck entstand, es werde zu wenig, zu spät und sehr widerwillig gehandelt. Die EU ist eine besondere Konstruktion. Sie ist kein Staat, aber auch nicht einfach eine Ansammlung von Ländern. Das wird von Marktteilnehmern oft nicht verstanden, vor allem nicht in der angelsächsischen Welt.

Würde es helfen, wenn die EU weniger untereinander streiten würde?

Der Euro war eines der letzten großen Integrationsprojekte der Union, auf das nur noch die EU-Erweiterung folgte. Die Staaten sahen den Euro als einen zentralen Schritt in Richtung politische Union an. Doch dieser Prozess stockt. Eine Währung ohne Staat kann für einige Jahre funktionieren, aber nicht für immer. Die aktuelle Krise ist der Moment der Wahrheit. Ich bin zuversichtlich, dass der Weckruf die notwendigen Konsequenzen nach sich zieht.

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7 Kommentare zu "Padoa-Schioppa: „Die Euro-Krise ist ein Weckruf“"

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  • @eurine,Fakten und Zahlen sind nicht so dein Ding. Fakt ist egal weltweit vom Kaufmänischen begreifen,sind so ziemlich alle sogenannten industriestaaten betroffen in Richtung klamme kassen bis hin zum black out.Kohl hat keine richtigen Wirtschaftlichen entscheidungen getroffen, welche sollten das sein ? Wir sind wirklich alle durch die bank Pleite, da kann man noch mehr geld drucken. Hurrameldungen helfen nicht weiter, genau so wie bewusstes Lügen aller Arbeitslosenzahlen, oder Freiheit für Afganistan, irak, zuerst einmal kostet es Geld was wir nicht haben. Es verwundert mich nicht wenn hier ein paar hurra Artikel gedruckt werden und schon scheint die emotionale Sonne. Fakten sind etwas unumstössliches,da kann ein Politiker, bänker reininterpretieren was er will,es ist egal,fakt ist die verlorenen Generationen sollen den schrott bezahlen, der schön verpackt,in Lügen,halbwahrheiten unters Volk gebracht wird, was intressieren uns unsere Schulden von gestern, na überhaupt nicht nein das ist ja alles nur fiktives Geld.Ein Europa mit einheitlicher intressenslage, Wirtschaft wird es nie geben und das ist gut so.Es geht nur noch darum den Scherbenhaufen jemanden aufs Auge zu drücken.

  • "Der Kampf mit den Märkten lässt sich am Ende nur gewinnen, wenn man mehr Ressourcen zur Verfügung hat als die Finanzmärkte." Da hätten wir also die Antwort auf die Frage, ob die europäische Politik (selbst wenn es die denn gäbe) das Problem lösen könnte: Sie kann es nicht. Denn wir alle wissen, dass alle gigantomanischen Rettungsschirme nur aus einer Quelle gespeist werden, nämmlich aus neuen Schulden. Der brand soll also mit benzin gelöscht werden, Superidee! Und wo kommen die benötigten Kredite her? Ach ja, von den bösen Finanzmärkten - wer da wohl den längeren Atem hat? Da beißt sich die Katze in den Schwanz und wir müssen überrascht zur Kenntnis nehmen, dass auch eine so fabelhaft durchdachte Konstruktion wie die EUdSSR auf die Dauer nicht zaubern kann. Und dem wirtschaftspolitischen Lob für Helmut Kohl mag ich mich auch nicht anschließen, denn der hat uns den ganzen irrsinn ja nun mal eingebrockt - und da ist es mir eigentlich egal, ob er es aus Unkenntnis tat oder mit voller Absicht. im Ergebnis war und ist der Euro ein Fehler, der deutliche Züge einer Missgeburt trägt. Und jeder Versuch, ihn zu retten wird sehr, sehr teuer, dafür aber auch garantiert erfolglos bleiben.

  • "Es war und ist ein großer Vorteil für ihr Land, von Staaten mit einer stabilen Währung umgeben zu sein. Das sollte den deutschen Wählern deutlicher erklärt werden"
    Das und viel mehr sollte den deutschen Wähler erklärt werden.
    Aber statt dessen werden durch die Medien Nationalgefühle und Emotionen geschürt. Meine Vermutung: das geschieht auf Wunsch der deutschen Großindustrie und Finanzadel um für Deutschland die Vorteile zu erhalten und wenn möglich zu verstärken aber auch um eine Harmonisierung der Wirtschaften zu verhindern. Der Nationalismus hat Deutschland, aber auch Frankreich, wieder fest im Griff.
    Gerade das ist das Problem der EU und auch der Eurozone oder -land.

  • Traurig die Kommentare die immer nur alles kaputt reden . Schau in den Spiegel und such dein Problem .

  • ich habe bisher noch keine schlüssigere und treffendere bestandsaufnahme über die EU-Krise gelesen. Die EU kommt gegen die Finanzmärkte nicht an, weil die bereitschaft aller Mitgliedstaaten, die EU als Ganzes entschlossen aus der Krise zu führen, nach außen nicht glaubwürdig vermittelt wird und das obwohl es in den USA viel schlimmer aussieht (siehe auch: http://stefanleichnersblog.blogspot.com/2010/05/bewahrungsprobe-der-europaischen-union.html).

    Sie kommt nicht vom Fleck, weil ihr, nicht anders als den USA, ein tragfähiges europäisches Wachstumsmodell fehlt – das Erfolgsphantasien weckt (siehe dazu: http://stefanleichnersblog.blogspot.com/2010/12/die-amerikanische-krise-wie-die-us.html). Sie ist hat finanzielle Hilfen für die Schuldenstaaten gegeben, aber sie hat den iWF einbezogen und damit signalisiert, dass die bereitschaft, die Krise selbst zu lösen, nicht uneingeschränkt vorhanden ist. Mit dem Wachstumsproblem lässt sie die Schuldenstaaten indes allein. Ein tragfähiges europäisches Wachstumsmodell zu finden, muss als gesamteuropäische Aufgabe begriffen werden, was aber nicht der Fall ist und das sehen die Märkte! Schlimmer noch ist, dass es noch nicht einmal ansatzweise Überlegungen in diese Richtung gibt, gerade so, als könnten sich Griechenland u.a. in den Wohlstand sparen.

    Und schließlich ist es beinahe schon Tradition, wie Padoa-Schioppa zutreffen sagt, dass die nationalen Politiker den bürgern europäische Erfolge als ihre Erfolge verkaufen, während sie ihre Fehler gerne als die der „EU“ oder die von „brüssel“ verkaufen. Die aktuellen bestrebungen für eine EU-Wirtschaftsregierung könnten durchaus in diese Richtung abgleiten. Denn nichts ist für die Wahlchancen von Politikern schlechter, als den bürgern drakonische Einschnitte verkaufen zu müssen. Warum also diesen Job nicht nach brüssel „ousourcen“? Für mich sieht es aktuell genau danach aus. Dann aber wäre die bezeichnung „EU-Wirtschafts-spar-regierung“ treffender(siehe dazu: http://stefanleichnersblog.blogspot.com/2010/06/eu-wirtschaftsregierung-echter.html).

    Angesichts solcher Schwächen der EU-Mitglieder ist es kein Wunder, dass die Märkte sich auch mit finanziellen Stützungsmechanismen überzeugen lassen, dass die EU eine gute und solide Sache ist.

    Padoa-Schioppas Tod ist ein in der Tat ein großer Verlust für Europa.

  • Die Euro-Krise ist gar nicht in erster Linie eine Währungskrise. Sie ist eine nicht mehr beherrschbare europäische Staats- und Privat-Schuldenkrise. Genauer: zu niedriger (von der Politik gewollter) Zinsen und maßlosen Konsums, der nicht in die Zukunft seiner Ökonomien und Kinder investiert, sondern lieber alles jetzt und hier selber auffrißt.

    Aus zu großen Schulden kommt man, wenn man mehr arbeitet und dadurch mehr Erträge erzielt. Dann auch wieder Zinsen und Tilgung von Schulden bedienen kann. Das können die PiGS nicht, deren Arbeitslosigkeit nach den ihnen verordneten Sparprogrammen nur noch steigt. Zunehmende Arbeitslosigkeit ist d e r indikator, daß eine Volkswirtschaft nicht wächst. Es wird einfach weniger verkauft, dann weniger produziert und viele Leute entlassen. Ein totsicherer Weg in den volkswirtschaftlichen Kollaps, an dessen Ende die PiGS dann aus eigenem Antrieb den Euro aufgeben werden, weil sie es müssen.

    Die bisher vor allem von Deutschland aufgespannten 'Schutzschirme' helfen niemandem. Sie schaden allen. Sie schichten nur die Schulden der Hungerleider um und nehmen dafür eigene neue Schulden auf, ohne an den ökonomischen Ursachen der PiGS-Schulden irgendetwas zu ändern; die PiGS produzieren zu teuer und mit zu schlechter Qualität und möchten es sich dennoch gut dabei gehen lassen.

    Es gibt nur 2 Wege aus diesem auch infantilen Elend, dem am Ende auch die Deutschen zum Opfer fallen würden: die PiGS geben den Euro auf, was sie möglichst schnell tun sollten, oder die Nicht-PiGS ermöglichen ihnen investitionsprogramme (keine Konsumprogramme), mit denen sie ihre - auch geografischen - Stärken entwickeln und attraktiv machen können (z.b. Tourismus; See-Logistik; Hafenausbau; Solartechnik). Das wird die EU (27 investoren) aber nicht tun, die seit Jahrzehnten schon lieber den Niedergang subventioniert als die Zukunft. Nicht der Euro ist ihr Problem, sondern ihre Zukunftsabgewandtheit zugunsten verrückter Sozialprogramme, von denen jeden Tag irgendwo (auch in D) ein neues aufgelegt wird. So wird es weder für den Euro, die PiGS oder die Nicht-PiGS irgendeine Rettung geben; nur den gemeinsamen Absturz, den wir einer bis ans bittere Ende durchgezogenen blindheit vor allem deutscher Europa-Politik verdanken werden, die den bürger schon viel zu lange entmündigt hat - Kontinuum dt. Geschichte.

  • "Die Märkte wären nicht so angriffslustig, wenn sie völlig überzeugt davon wären, dass die EU ebenso entschlossen wie die USA reagiert."

    Ganz meiner Meinung, Konkursverschleppung nützt niemandem. Das Handelsblatt berichtete ja ausführlich über das, was in USA geplant ist:

    "Auslöser für den Abschied der investoren aus den Kommunalanleihen sind die politische Veränderungen in Washington nach den Parlamentswahlen Anfang November. Denn es gilt vielen als höchst unsicher, dass die nun im Repräsentantenhaus dominierenden Republikaner das auslaufende Anleiheprogramm "build America bonds" (bAb) verlängern. bei diesem in der Finanzkrise aufgelegten Programm übernahm die Regierung in Washington 35 Prozent der Zinszahlung von Anleihen, die Kommunen und bundesstaaten begaben.
    ...
    investoren müssen sich im Fall von Zahlungsausfällen möglicherweise trotz Hilfen aus Washington auf Verluste (Haircuts) einstellen. Washington werde bei der insolvenz eines bundesstaates wohl erst danach einspringen, vermutet Whalen. "Sie müssen helfen, weil sonst das Rating der USA leidet", sagte er. Aber mit einer insolvenz werde man die investoren an den Verhandlungstisch zwingen, um Zugeständnisse zu erreichen. Das sei auch gut so. "Denn wir brauchen eine Restrukturierung der Schulden."

    http://www.handelsblatt.com/finanzen/anleihen/finanznot-us-kommunen-fuerchten-die-insolvenz;2697875

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