Preissteigerungen
Alles eine Frage des Preises

Lebensmittel sind teurer geworden, ebenso wie Heizöl und Benzin. Kehrt die Inflation zurück? Ein Gespenst, das zuletzt in den 70er-Jahren Angst und Schrecken verbreitete. Drei Männer, eine Antwort.



NÜRNBERG/FRIBOURG. Ganz schön orientierungslos dieser Mann. Kreuz und quer läuft Wolfgang Raum durch einen Supermarkt in der Nürnberger Innenstadt. Einen Einkaufswagen hat er nicht dabei, auch keine Tasche, nur einen Stapel loser Blätter unterm Arm. Vor einigen Regalen hält er kurz an, scannt die Produkte und Schilder, notiert in kleiner, schnörkelloser Schrift etwas auf einen seiner Zettel. Dann trabt er zum entgegengesetzten Ende des Ladens.

Am Kühlregal schaut er sich den Emmentaler, 45 Prozent Fett in der Trockenmasse, 250 Gramm genauer an. Danach begutachtet er das Backpulver, Dreierpack, und Mohn-Fix, backfertige Kuchenfüllung, 250 Gramm. Zurück zum Kühlregal, dieses Mal zur Lätta, Halbfettmargarine. Rechts, links, geradeaus. Am Regal mit Natreen, feine Süße im Spender, notiert er wieder etwas. Ebenso wie beim Sauerkraut, mit Weißwein verfeinert. Dann im Kreis um die Tiefkühltruhe herum, einer Großmutter ausgewichen, die Fisch in ihren Einkaufswagen packt, zweimal rechts abgebogen zu dem Regal mit Zündhölzern.

20 Minuten lang durchstreift Wolfgang Raum das Geschäft. Am Ende ist er in jedem der Gänge ein halbes Dutzend Mal gewesen. Ein Mann auf der Suche – nach Preisen. Nach 40 der insgesamt 350 000 Preise, die am Monatsende den „Verbraucherpreisindex für Deutschland“ ergeben. So heißt sie im Amtsdeutsch, die Inflationsstatistik. Ein komplexes Zahlenwerk, das eines der ältesten ökonomischen Phänomene einfängt: die Inflation. Ein Gespenst, das die Menschen seit Jahrtausenden verfolgt, das Ersparnisse wertlos macht und einfache Leute besonders trifft.

Schon in der Antike war die Geldentwertung ein wirtschaftspolitisches Topthema, ebenso im Römischen Reich. Die Hyperinflation der 20er-Jahre hat gleich mehrere Generationen von Deutschen traumatisiert. Banknoten über 50 Billionen Mark gab es damals. Das Geld war so wenig wert, dass Familien ihre Kachelöfen damit befeuerten. Wer sein Vermögen nicht in Immobilien oder anderen Sachwerten angelegt hatte, der war innerhalb kürzester Zeit verarmt.

Die Inflation ist eine Art Seismograf für den ökonomischen Zustand eines Landes. Und Wolfgang Raum, 45 Jahre, schlank, in Jeans und kariertem Hemd, ist einer von 560 Preisermittlern, die die Ausschläge Monat für Monat im Auftrag der Statistischen Landesämter messen. Sie melden Preisveränderungen für 750 Produkte und Dienstleistungen, vom Rollmops bis zum Haarschnitt. In 190 Gemeinden sind sie dafür unterwegs, besuchen 40 000 Verkaufsstellen. Das Ergebnis meißelt Politikern und Notenbankern, Unternehmern und Verbrauchern derzeit tiefe Sorgenfalten ins Gesicht. Denn seit Monaten steigt das Preisniveau in Deutschland so stark wie seit langem nicht mehr. Um 3,3 Prozent sind die Lebenshaltungskosten im Juni im Vergleich zum Vorjahresmonat gestiegen.

Endgültige Zahlen für den Juli legt das Statistische Bundesamt morgen vor. Schon jetzt ist klar: Von Entwarnung kann keine Rede sein. So hoch war die Geldentwertung in Deutschland zuletzt nach der Wiedervereinigung, damals nur vorübergehend. Länger andauernden Schrecken verbreitete die Inflation zuletzt in den 70er-Jahren. Sie verdarb den Menschen die Freude an Lohnsteigerungen und fraß Ersparnisse auf. Kehrt es zurück, das Gespenst?

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