Prognose weit übertroffen
ZEW-Indikator deutet auf Ende der Talsohle hin

Steigende Aktienkurse und der zuletzt schwächere Euro haben die Konjunkturerwartungen der Finanzmarktexperten in Deutschland überraschend stark beflügelt. Das Zentrum für Europäische Wirtschaftsforschung (ZEW) rechnet mit einem Aufschwung zu Beginn des kommenden Jahres.

Reuters BERLIN. Der vom ZEW ermittelte Saldo der Konjunkturerwartungen der befragten Analysten und institutionellen Anleger für Juli kletterte nach ZEW-Angaben vom Dienstag unerwartet deutlich auf 41,9 von 21,3 Punkten im Juni. Das ZEW sprach von einem Signal für den Aufschwung. „Der Indikatorwert legt nahe, dass Deutschland sich anschickt, die Talsohle zu verlassen“, erklärte ZEW-Chef Wolfgang Franz. Zu dem neuen Optimismus hätten auch Fortschritte in der Reformdiskussion beigetragen. Analysten warnten jedoch vor zu viel Konjunktur-Optimismus.

Von Reuters befragte Volkswirte hatten im Schnitt nur mit einem Anstieg auf 25,0 Zähler gerechnet. Das Stimmungsbarometer für die Euro-Zone legte den ZEW-Angaben zufolge auf 50,5 von 38,0 Punkten im Juni zu. Der Deutsche Aktienindex (Dax) drehte nach der ZEW-Veröffentlichung in die Gewinnzone und näherte sich einem neuen Jahreshoch an. Der Euro stieg zunächst um einen Viertel US-Cent auf über 1,1300 Dollar, gab dann aber wieder nach. Am Rentenmarkt fielen die Kurse europäischer Staatsanleihen.

Der ZEW-Indikator liegt nach dem siebten Anstieg in Folge nun wieder über seinem historischen Mittelwert von 33 Punkten und signalisiert nach ZEW-Einschätzung einen Konjunkturaufschwung zu Beginn des neuen Jahres.

Was Volkswirte zum Anstieg des ZEW-Indikators sagen

Gerd Haßel, ING BHF-Bank:
„Das ist phantastisch. Wir hatten nur mit einem leichten Anstieg gerechnet. Hintergrund dürfte sein, dass zuletzt der US-Einkaufsmanagerindex und die Ifo-Geschäftserwartungen sich verbessert haben. Zudem haben sich die Aktienmärkte erholt, was man auch als Frühindikator deuten kann. Außerdem ist der Euro schwächer. All das sind Gründe, warum man wieder positiver in die Zukunft schauen kann.
Dazu kommt von der Politik, dass das Vorziehen der Steuerreformstufe wahrscheinlicher wird. Es scheint auch, dass sich Regierung und Opposition auf eine teilweise Kreditfinanzierung einigen können und es damit einen konjunkturellen Nettoeffekt geben wird. Man sollte jetzt aber nicht zu sehr in Optimismus machen. Der Anstieg beim ZEW ist so rasant, dass man damit rechnen muss, dass er in den nächsten Monaten wieder etwas runter kommt.“

Thomas Hück, Hypo-Vereinsbank:
„Es bleibt dabei: Sentiment-Indikatoren haben uns im letzten Jahr auf die falsche Fährte gebracht, und das Risiko, dass es auch dieses Jahr voreilig ist, auf dieses Pferd zu setzen, ist sicherlich hoch.
Der Anstieg des ZEW ist ganz klar stärker als erwartet und vor allem in einem Ausmaß, wo man Hoffnung haben könnte. Aber ich tendiere dazu, immer noch etwas vorsichtig zu sein, weil die Sentiment-Indikatoren durchaus an Qualität und Glaubwürdigkeit verloren haben.
Der vom ZEW angezeigte Zeitpunkt einer Wende zum Jahreswechsel ist völlig ok, das passt rein. Es bleibt aber, dass die ganzen strukturellen Hindernisse, die wir die ganzen Jahre hatten, nicht beseitigt worden sind“.

Jörg Krämer, Invesco Asset Management, Frankfurt:
„Wir hatten zuletzt einen solchen starken Anstieg im März 2002. So etwas passiert sehr selten. Es fällt auf, dass die Erwartung in Deutschland besser ist als im Euro-Raum. Das heißt, es spielen deutschlandspezifische Gründe eine Rolle.
Ich würde das Scheitern der IG Metall mindestens so hoch gewichten wie die Steuerreform. Die Gewerkschaft hat ihren Machtzenit durchschritten, das ist offensichtlich geworden. Die Steuerreform hat letztlich nicht so stark gewirkt, weil die Leute Skepsis angesichts der Finanzierung haben.
Interessant ist auch, dass der Erwartungsanstieg im Konflikt steht zur Masse aller anderen Indikatoren im Euro-Raum. Ich würde mit Blick auf diese vielen Indikatoren, die nach unten gerichtet sind, das ZEW nicht blind als Aufschwungsignal interpretieren.
Ich sehe in der zweiten Jahreshälfte nach wie vor keine Belebung der Konjunktur. Die Zeiten des Herabrevidierens der Konjunkturerwartungen sind vorbei, aber ein Aufschwung steht noch nicht an.“

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