Prognosen
Studie zweifelt an Qualität von Prognosen

Soviel Selbstkritik ist selten: Das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung (DIW), wegen zu optimistischer Konjunkturvorhersagen selbst in die Kritik geraten, geht in die Offensive und zieht gegen das Prognosewesen der Ökonomen zu Felde. Dazu ließ das Institut eigens eine Studie erstellen mit dem vernichtenden Ergebnis: die Prognostiker haben versagt – nicht einmal, sondern eigentlich schon immer.

DÜSSELDORF. Zwar würden Konjunkturprognosen schon immer wegen ihrer "vermeintlich zu geringen Verlässlichkeit" kritisiert, heißt es in einer Studie des DIW mit dem Titel "Geben Konjunkturprognosen eine gute Orientierung?", die Handelsblatt.com vorliegt. Doch in der gegenwärtigen Rezession sei "die Kritik stärker geworden, weil die Prognostiker das Tempo der wirtschaftlichen Talfahrt unterschätzt haben". Die DIW-Experten schließen daraus, dass die Prognosequalität "stark zu wünschen übrig" lasse. Insbesondere gelte das für Vorausschätzungen, die mehr als ein Jahr vor dem prognostizierten Zeitraum erstellt wurden, da deren Aussagekraft "sehr gering" sei. Besser sei die Qualität, wenn Vorausschau und Prognosezeitraum eng beieinander lägen, da dann mehr und zeitnahere Informationen über den Konjunkturverlauf zur Verfügung stünden.

Zuvor hatte sich bereits das Münchner Ifo-Institut selbstkritisch zu Wort gemeldet und Fehler der Prognose-Institute bei der Beurteilung der konjunkturellen Lage eingeräumt. „Wenn man uns Prognostikern etwas vorwerfen kann, dann ist es doch, dass wir alle die Rezession enorm unterschätzt haben“, hatte Ifo-Konjunkturchef Kai Carstensen am Montag Handelsblatt.com gesagt.

Ungeachtet dessen will offenbar auch die Bundesregierung dem Negativ-Trend der Institute folgen und ihre Wachstumsprognose drastisch revidieren. Laut „Bild“ geht das Wirtschaftsministerium intern von einem Rückgang der Wertschöpfung um vier bis 4,5 Prozent ausgehe. Das entscheidende Datum für die Regierungsprognose ist der 23. April. An diesem Tag veröffentlichen die führenden Wirtschaftsforschungsinstitute ihre neue Prognose. Am 29. April will dann die Regierung ihre offizielle Vorhersage vorstellen. Bislang geht sie von einem Minus von 2,25 Prozent aus.

Allerdings erwarten einzelne Institute inzwischen Minusraten, die sich in Richtung fünf Prozent bewegen. Die Commerzbank-Experten halten sogar einen Rückgang um sechs bis sieben Prozent für möglich. Das Finanzministerium hatte in seinem Monatsbericht für das erste Quartal 2009 eine Beschleunigung der Negativentwicklung des Vorquartals von minus 2,1 Prozent vorausgesagt. Vorsichtigere Stimmen innerhalb der Regierung gehen zumindest von einer ähnlich negativen Entwicklung in den ersten drei Monaten des Jahres aus.

Dass es noch schlimmer kommen könnte, ist nicht auszuschließen, glaubt man der DIW-Untersuchung, die zu dem Ergebnis kommt, dass Prognosen "systematisch zu positiv ausfallen". Die Experten führen das darauf zurück, dass Abschwünge nicht nur zu spät erkannt würden, sondern auch deren Stärke unterschätzt werde. "Dass war auch mit Blick auf die gegenwärtige Rezession der Fall – und zwar weltweit", schreiben die Ökonomen in ihrer Expertise.

Die Experten erneuerten in diesem Zusammenhang, die von DIW-Präsident Klaus Zimmermann vor einigen Wochen erhobene Forderung nach einem vorübergehenden Prognosestopp. "Da (...) es um die Aussagekraft der Konjunkturprognosen nicht gerade zum Besten bestellt ist, sollte man auf das Verkünden angeblicher Wahrheiten verzichten und mehr Zurückhaltung bei der Präsentation von Konjunktureinschätzungen zeigen", heißt es in der Studie. Dabei unterstellen die DIW-Experten, dass Prognosen immer mit dem "Phänomen der sich selbst erfüllenden Prophezeiung" verbunden seien. "Gerade in einer Krise wie der jetzigen kann das zu einem Problem werden, wenn die Prognostiker, auch dem Herdentrieb folgend, immer düstere Einschätzungen abgeben", so ihr Fazit.

Dietmar Neuerer
Dietmar Neuerer
Handelsblatt / Reporter Politik
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