Rapider Preisanstieg
Belgien: Vom Klassenbesten zum Kandidat fürs Sitzen bleiben

Die Zeiten sind hart für die belgischen Finanzpolitiker. Waren sie über Jahre hinweg die Lieblingsschüler der europäischen Wächter über den Stabilitätspakt, bekommen sie nun einen Rüffel nach dem anderen von der Europäischen Kommission in Brüssel. Vor allem eine Sorge plagt das Land.

BRÜSSEL. "Das ist überhaupt nicht gut. Wir müssen sehr vorsichtig sein, dass wir nicht auf eine Inflationsspirale zusteuern", kürzlich die Pressesprecherin des Währungskommissars Joaquin Almunia. Im Blick hatte sie dabei die Zahl, die seit einigen Wochen wie ein Gespenst durch die belgische Wirtschafts- und Finanzwelt geistert: 5,1 Prozent Inflation bisher für das Jahr 2008.

Solch einen rapiden Preisanstieg gab es im belgischen Königreich schon seit Mitte der 80er Jahre nicht mehr. Und das kleine Land liegt damit an der Spitze der schlechten Schüler in der Eurozone. Der Durchschnitt der 15 Länder liegt nämlich bei 3,7 Prozent - auch das ist historischer Rekord - aber nur Slowenien steht mit 6,2 Prozent noch schlechter da als Belgien. Dazu kommen die schlechten Aussichten - die niederländisch-belgische Bank ING rechnet in diesem Jahr mit einem Wirtschaftswachstum von nur 1,5 Prozent für das Land. In den kommenden zwei Jahren sieht es nicht besser aus. Die Arbeitslosigkeit ist im sonst günstigen Monat Mai sprungartig angestiegen.

Im Königreich stehen viele Experten nach wie vor ratlos vor dem explosionsartigen Anstieg der Preise, aber - wie auch in anderen Ländern - sind es die Öl- und Energiekosten, die die Inflation besonders stark begünstigen. "Belgien leidet darunter mehr als andere Länder in der Eurozone. Unsere Wirtschaft ist besonders abhängig von Rohölimporten", heißt es in einer Analyse der belgischen Nationalbank.

Die Europäische Kommission kritisierte darüber hinaus die Gasversorger, die ihre Preise "substantiell" angehoben hätten. "Das erklärt die höhere Inflation im Vergleich zu den anderen Euro-Ländern", sagte die Kommissionssprecherin.

Einer der wichtigsten Wirtschaftszweige im Königreich ist die Logistik und die Transportunternehmen sind eine der ersten Leidtragenden des steigenden Ölpreises. Nicht ohne Grund haben in der vergangenen Woche Hunderte Lastwagen- und Taxifahrer in Brüssel gegen die immer steigenden Benzinpreise demonstriert und die Stadt für einige Stunden praktisch lahm gelegt. Der Preis für Diesel stieg in Belgien seit Jahresanfang um 20 Prozent.

Auch die Auftragsbücher der Baubranche sind - nach Angaben von ING - praktisch leer. "Die Zahl der neuen Baustellen fällt ins Bodenlose", heißt es in einer Analyse der Bank.

Zusätzlich zu den Energiepreisen leiden die belgischen Unternehmen auch unter den Lohnkosten, die im Vergleich zu den Nachbarländern nach wie vor höher liegen und die sich gesetzlich an der Inflation orientieren. Das heißt: Gibt es eine hohe Inflation, müssen die Unternehmen auch ihre Gehälter dementsprechend anpassen.

Immerhin eine Branche profitiert aber von den horrenden Preisanstiegen. Die Billig-Supermärkte verzeichnen Gewinnzuwächse, während alle anderen am trägen Konsumentenverhalten knabbern. Im belgischen Geschäftsjahr (1. April 2007 bis 31. März 2008) konnte sich zum Beispiel Colruyt, die belgische Ausgabe von Lidl oder Aldi, über ein Wachstum von knapp zehn Prozent freuen - und das eindeutig dank der schlechten Wirtschaftslage, lässt der Konzern wissen: "Die Folge der Inflation ist, dass sich der Verbraucher wieder auf die Preise konzentriert. Das kommt uns zu Gute."

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